Hier versuchen Kinderuni-Studierende in Medellin (Kolumbien) spielerisch zu erfahren, wie das mit der Verschiebung bzw. Bewegung der tektonischen Platten der Erde funktionieren könnte

© Universidad de los niños EAFIT

Weltreise eines kleinen handlichen Büchleins von Wien nach Indien
09/13/2014

Weltreise eines kleinen handlichen Büchleins von Wien nach Indien

Initiativen zur Vermittlung von Wissens(schaft): Kinderunis aus 34 Ländern tauschen in Wien Erfahrungen aus.

von Heinz Wagner

Einige Kids stehen in einem Wasserbecken, sie halten aus Holzleisten zusammen gebaute Türme vor sich und setzen sie auf die Wasseroberfläche. Wie verschieben sich durch die Wellenbewegung Ebenen in den Türmen? Das wollen sie erleben, herausfinden. Es sind für sie grobe Modelle der tektonischen Platten der Erde und sie beschäftigen sich mit See- bzw. Erdbeben. Es ist eine der Veranstaltungen der Universidad de los niños im kolumbianischen Medellin. Tausende Kinder und Jugendlichen haben in den vergangenen Jahren an Vorlesungen, Workshops, Seminaren und Labors dieser südamerikanischen Kinderuni teilgenommen wie Ana Cristina und Jose Ignacio Uribe dem Kinder-KURIER am Rande der Tagung des internationalen Kinderuni-Netzwerks eucunet, das knapp vor Mitte September in Wien stattfand, erzählen.

Boom

Die recht junge, sich rasch weltweit ausbreitende Bewegung, Kinder schon recht früh in Unis zu holen - für die einen, um unerfüllte Wissbegierde zu fördern und andere vielleicht erst auf die Idee zu bringen, dass Hochschulen auch für sie in Frage kommen – stieß in Kolumbien auf die rund 50 Jahre alte Initiative EAFIT. Diese war in den 60er Jahren entstanden, als nicht ganz zwei Dutzend Wirtschaftsleute was tun wollten, um künftige Managerinnen und Manager mit Fähigkeiten auszustatten, die Veränderungen in Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft angesichts der beginnenden Globalisierung erfordern.

Zufall

Ein Rektor der Uni hatte zufällig in einer Flughafenbuchhandlung die englische Version des Buchs über die Kinderuni Tübingen, die vor rund eineinhalb Jahrzehnten startete, gefunden, gelesen und die für Wissenschaftskommunikation zuständige Ana Cristina daraufhin angesprochen. Rasch wurden Konzepte entwickelt. Seit mehr als zehn Jahren läuft die Medellin-Kinderuni in mehreren Phasen ab. Einsteigerinnen und Einsteiger kommen das Schuljahr über zu Lehrveranstaltungen, die von den Fragen der Kinder ausgehen. Die werden zuvor in Schulen gesammelt. „Dabei ist für uns der soziale Mix sehr wichtig, mindestens die Hälfte sollen aus Gegenden sozialer Benachteiligung kommen. Auf diese Fragen der Kinder gehen Lehrende verschiedener Fachbereiche interdisziplinär ein.“ Jene Kinder und Jugendlichen, die sich weiterhin interessieren können im Folgejahr in die zweite Phase einsteigen. Hier kommen sie einmal wöchentlich für jeweils fünf Stunden – während ihrer Schulzeit - in einen Workshop. Diese Phase wird von vielen Teenies mehrere Jahre lang absolviert.

Phasen, langjährig

„Wir haben Teenies, die sieben, acht Jahre bei der Kinderuni bleiben. In der dritten Phase arbeiten sie in Kleinstgruppen (drei bis fünf Beteiligte) rund ein Schuljahr lang intensiv an wissenschaftlichen Projekten mit Profs und Master-Studierenden wobei es dabei vor allem um den Prozess und weniger um ein Ergebnis geht“, so die beiden Kinderuni-Leute aus Medellin bei der Wiener Tagung. An dieser nahmen rund 200 Vertreterinnen und Vertreter aus 34 Ländern aus allen Kontinenten teil. Mit ihren Aktionen erreichen sie rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche in verschiedensten Gegenden der Welt, viele, die sonst nie mit höherer Bildung in Berührung gekommen wären.

Rausgehen

Die Programme der verschiedensten Initiativen sind durchaus recht unterschiedlich. Nach anfänglichen Widerständen beispielsweise entschloss sich etwa die Kinderuni nach einigen Jahren nach den Lehrveranstaltungen in den Universitäten auch mit mobilen Experimentierboxen in Parks und Wohnhausanlagen vor allem der „Peripherie“ zu gehen. (Hier ein Foto von einer der Wiener Kinderuni-on-Tour-Aktionen in einem Wiener Park.)

Vom Kriminellen zum Vorbild

Im US-Bundesstaat Kansas entwickelte etwa Ngondi Kamatuka, der in Namibia geboren wurde, mit 15 nach Sambia geflüchtet war und nach Absolvierung einer katholischen Privatschule in Kansas Erziehungswissenschaften studierte, ein Projekt namens „First Generation“. Gemeint sind Kinder und Jugendliche, die als erste in ihrer gesamten Familie eine höhere Ausbildung anstreben. „Wir unterstützen sie finanziell, aber vor allem auch sozialarbeiterisch die gesamte Familie, bei armen Familien ist es dann nicht immer nur das fehlende Geld, das ein Hindernis für die höhere Bildung ihrer Kinder sein kann“, fasst der Erziehungswissenschafter und Bildungs(unterstützungs)-Praktiker Erfahrungen aus mehr als einem Vierteljahrhundert im Gespräch mit dem Kinder-KURIER zusammen. Und stellt stolz einen seiner Parade-Bildungsaufsteiger vor, der mit zur Konferenz in Wien gekommen ist: Vaughn Arrington.

Paradebeispiel

„Meine Eltern waren Drogendealer, das Geschäft lief nicht mehr so gut. So knackten mein Bruder und ich ein Auto und verübten einen bewaffneten Überfall – mit einem kaputten Gewehr . Das war zwei Tage nach meinem 16. Geburtstag. Wir wurden bald geschnappt, ich wurde zu zehn Jahren verurteilt. Gefängnis ist nicht unbedingt der Ort, wo’s besser wird. Rasch war ich Teil der Gang im Gefängnis, stieg auch rasch in der Hierarchie auf. Ich sollte schon Boss werden, der bisherige Chef der Bande wollte zurücktreten – wegen seiner Familie mit zwei Kindern draußen, wollte er sich zurückziehen, um danach ein besseres Leben zu beginnen. Da begann ich zu grübeln, ob das nicht für mich auch besser wäre, übernahm den kriminellen Laden nicht, sondern begann noch im Gefängnis zuerst eine Tischlerlehre und dann später mehr zu lernen. Mich interessierte vor allem Management – aber in sozialen Bereichen. Zuerst studierte ich dann Spitalsmanagement, dann gründete ich eine NGO, die Leiter von Jugendarbeit in Kommunen ausbildet, absolvierte nach meiner Haft auch ein katholisches College für Sozialarbeit in Detroit und wurde mehr und mehr Mentor für Jugendliche oder junge Erwachsene in ähnlichen Situationen wie ich es einst war. Ich will – und kann ihnen auch durch mein eigenes Beispiel – ganz gut zeigen, dass Bildung was bringt oder zumindest bringen kann.“

Wobei ihm seine Geschichte - trotz seine Wandlung – mitunter noch immer nachhängt. „Was glauben Sie wie kompliziert es war, das Visum für Vaughn zu kriegen“, wirft Ngondi Kamatuka ein.

Handliches Wissen in 22 Sprachen

Abhay Kothari zieht aus seiner Tasche ein kleines quadratisches flaches Kartonkuvert hervor. Kleiner als ein Pixi-Büchlein. Diesem entnimmt er ein paar Kartonkarten mit Bildern zu optischen Täuschungen. „Die handlichen Formate hat mein Vater Ramesh vor 50 Jahren in Wien beim Jungbrunnenverlag kennen gelernt, als er mit der UNESCO in Europa Kinder- und Jugendeinrichtungen und -vereine besucht hat. Die haben ihn inspiriert, er ist dann in Indien auf die Idee gekommen, solche kleinen Büchlein für die Vermittlung von Wissenschaften, aber auch von praktischem, wichtigem Wissen zu nutzen“, erzählt sein Sohn dem Kinder-KURIER.

In dritter Generation

Für das Büchlein mit den optischen Täuschungen, das er uns zeigt, zeichnet übrigens bereits sein Sohn Kathan verantwortlich. Die Kotharis betätigen sich somit bereits in dritter Generation damit, Wissen(schaft) vor allem an unterprivilegierte Kinder in ganz Indien zu vermitteln. Abhay Kothari zeigt ein Kartonblatt, das anschaulich in Bildern vermittelt, wie Wasser mit natürlichen Mitteln (Schotter, Sand...) grob gefiltert werden kann. Ein anderes enthält eine Spiegelfolie und Zeichnungen, von Zungen mit verschiedenen Krankheitssymptomen, um selber mit einem Zungenzeigen auf die Folie feststellen zu können, ob du gesund bist oder das eine oder andere Symptom aufweist. Mülltrennung, Nutzung der Sonne zur Desinfektion von Wasser oder speziell Hygiene für Mädchen ab der Pubertät sind andere Karton-Materialien, die Kothari aus seiner Tasche zieht.

22 Sprachen, großes Netzwerk

„Wir veröffentlichen diese Materialien in den 22 großen Sprachen unseres Landes von Malayalam über Hindi und Gujarati bis Punjabi und Urdu“, berichtet Kothari. „Unsere Initiative ist Teil eines großen Netzwerks von ungefähr 50 Organisationen im ganzen Land. Die Kinder, die wir erreichen und das sind ungefähr 175.000, bekommen alle zwei Monate natürlich kostenlos so ein kleines Büchlein oder andere Unterlagen.“

Neugierig und wissbegierig sind alle Kinder dieser Erde. Doch in ihrem weiteren Leben können nur relativ wenige dieses Potenzial als Forscherinnen und Forscher ausnutzen und ausbauen. Den einen wird Fragen stellen schon in der Schule abgewöhnt, viele andere haben (noch immer) keinen Zugang zu Schulen - und noch weniger zu Universitäten, Hochschulen und/oder Forschungseinrichtungen. Auf der anderen Seite fehlen vielen Gesellschaften aber auch Unternehmen Wissenschafter_innen und Forscher_innen. Seit gut eineinhalb Jahrzehnten boomt in vielen Ländern die eine oder andere Kinderuni- oder andere Wissenschaftsvermittlungs-Aktivität. In manchen Ländern gibt es solche Initiativen schon viel länger (in Moskau etwa seit mehr als 40 Jahren). Bei der – von der EU unterstützten und dennoch weltweiten - Wiener Konferenz verabschiedeten die 200 Fachleute aus den Bereichen Wissen(schafts-)vermittlung für Kinder und Jugendliche auch eine Deklaration. In ihr wird darauf hingewiesen – und verlangt -, dass Bildung, auch höhere, ein Recht aller Menschen ist und daher gleich und uneingeschränkt allen zur Verfügung stehen sollte – für ihre eigene, aber auch die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft(en).

Zur Netzwerk- und Konferenz-Seite

Zur Website der kolumbianischen Kinderuni von Medellin

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