© Gültekin Tetik

Diyarbakır-Kulturtage
08/30/2013

Bilder und Musik einer bunten vielfältigen Stadt

Bunte Einblicke in eine multikulturelle Stadt

von Heinz Wagner

Schrill bemalte Hausfassaden, alte römische Gemäuer, auf der Straße spielende Kinder, Erwachsene, die sich unterhalten, Frauen und Kinder, die Brot backen (tenûr), Männer, die singen, die letzten Kupferschmiede, umgebaute Karawansereien und viele, viele Tauben – in großformatigen Fotos. Diese und noch viele andere Ansichten der kurdischen Hauptstadt Diyarbakır in Ostanatolien fing der Istanbuler Fotograf, Filmer, Filmproduzent und Lehrende für Fotografie und Film, Gültekin Tetik, ein. Eine renovierte und wieder geöffnete armenische Kirche gehört ebenso dazu wie eine assyrische (suryani).

Politische Blicke

Die politische Dimension und Sichtweise des türkischen Fotografen aus Istanbul, der sich in ökologischen und Menschenrechtsorganisationen engagiert und „die Vielfalt unseres Vielvölkerstaates zeigen will“ kommt besonders in zwei Fotos zum Ausdruck: Dem Graffiti an einer Hausmauer, das den weit verbreiteten nationalistischen Spruch „Ne mutlu Türküm diyene“ (ich bin stolz Türke zu sein) auf „Kürd'üm“ abwandelt. Oder im Portrait jener fröhlichen Frau, die das Maskottchen des Handyanbieters turkcell (Antennen am Kopf) in den kurdischen Nationalfarben trägt und damit daraus Kürtcell macht.

Gültekin Tetik ist selbst kein Kurde, war aber schon oft und lange in der kurdischen Metropole, die auf Kurdisch Amed heißt und versteht seine Fotos, die die Vielfalt der rund 1,5 Millionen-Stadt Diyarbakır einfangen auch – wie er dem KiKu gegenüber meinte – auch als einen Teil politischer Wiedergutmachung von Türk_innen an Kurd_innen, die vom Staat und der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert wurden und noch immer werden.

... der Kulturtage mit Rojda & Band

Offiziell eröffnet wurden die Kulturtage am Samstag (31. August) Abend im Arkadenhof des Wiener Rathauses. Und wie! Bevor noch Sängerin Rojda und ihre Band loslegten, jubelte das Publikum des vollbesetzten Platzes als Osman Baydemir, Bürgermeister von Diyarbakır auf der Bühne sprach und die Zuhörer_innen in seinen Bann zog. Im Grundverständnis einer friedlich zusammenlebenden, vielfältigen Stadt war er sich eins mit Wiens Stadträtin Sandra Frauenberger, die Bürgermeister Michael Häupl vertrat.

Mitreißend

Und dann kam sie, Rojda, die in den drei kurdischen Sprachen Kurmanci, Zaza und Sorani sowie in Armenisch sang. Begleitet von ihren Musikern rissen die Künstler_innen das Publikum mit einigen ihrer Nummern zum Tanzen mit – zaghaft machte eine Frau den Anfang, erst nach dem ersten halben Dutzend Tänzerinnen wagten sich auch einige Männer auf die freie fläche zwischen Bühne und Sitzreihen. Bald gesellten sich die Promi aus der ersten Reihe – unter ihnen auch das Stadtoberhaupt der rund 1,5-Millionen zählenden kurdischen Metropole Diyarbakır – zu den ausgelassen Tanzenden.
Viele andere zückten ihre Handykameras, um Dutzende Fotos, vor allem von Sängerin Rojda und Bürgermeister Baydemir zu knipsen oder Videos zu drehen. Der vielleicht jüngste Fotograf war Berk (5), der sich knapp vor Osman aufpflanzte, um ihn bildlich festzuhalten. Derweilen konzentrierte sich – zeitweise Rücken an Rücken die achtjährige Havin kameramäßig auf das Geschehen auf der Bühne.

Amed

Die 13-jährige Helin Süner hatte zur Feier des Tages ein ganz spezielles T-Shirt an. Auf dem stand groß AMED – und das ist der kurdische Name für die türkische Bezeichnung der Stadt Diyarbakır.

Start der Diyarbakır-Kulturtage

... begleiten Ausstellungseröffnung

Melike in einer typischen Tracht aus Amed (wie wie Diyarbakır auf Kurdisch heißt) posiert vor einigen der Bilder des Fotokünstlers Gültekin Tetik. Seine Ausstellung wurde im Weltmuseum Wien Sonntag Abend (1. September 2013) eröffnet. Am Broschüren- und Bücherstand agiert Şîyar in einer aus Dêrsîm stammenden Tracht.

Auf der Bühne, die wie ein großer Diwan mit Teppichen gestaltet ist, haben sich zwei Dengbejs (Wandersänger) aus Diyarbakır niedergelassen: Mohammede Neynasi und Şemsettin Gımgimê. Mit ihrem Sprechgesang erzählen sich nicht nur Geschichten, sondern schufen auch eine trance-artige, entspannte Atmosphäre in der Säulenhalle des Museums am Heldenplatz.

... rund um die Ausstellungseröffnung

Foto- und Kunst-Ausstellung
„Historische Stadt Diyarbakır
mit Bildern des türkischen Fotografen Gültekin Tetik.
Bis 30.September
Weltmuseum (1010, Heldenplatz)
Museumseintritt (8 €)

www.weltmuseumwien.at

Diyarbakır liegt im Südosten der türkischen Region Anatolien. Sie ist die höchst entwickelte Kultur-, Kunst- und Handelsstadt Obermesopotamiens und gilt als heimliche Hauptstadt der Kurden. Seit 14 Jahren wird Diyarbakir von einer kurdischen Bewegung regiert. Die EinwohnerInnenzahl beträgt samt Umgebung 1,56 Millionen, wovon eine Million auf das Stadtzentrum entfällt.
Die Stadt hat eine 12.000 Jahre alte historische Vergangenheit und ist seit 8.000 Jahren ununterbrochen bewohnt, weshalb man im Stadtzentrum die Spuren von 33 verschiedenen Zivilisationen finden kann. Für mehrere Völker galt Diyarbakir als Hauptstadt und hatte somit eine große Bedeutung im Byzantinischen Reich.
Die Stadt verfügt über Gebetsstätten des Judentums, des Christentums und des Islams und sogar über Kirchen, die im 3. Jh. n. u. Z. erbaut wurden, als die Gottesdienste noch in aramäischer Sprache - der Sprache von Jesus - zelebriert wurden. In Diyarbakir befindet sich auch die größte armenische Kirche des Nahen Ostens.
Aufgrund der repressiven Politik der Regierung in den 90er Jahren kam es zu einer massiven Bevölkerungsabwanderung. Nach der Übernahme der Regionalregierung von Kurden im Jahr 1999 erholte sich die Stadt und entwickelte neue Perspektiven für die Zukunft.

Als die kurdische Sprache verboten war, zogen Musiker von Dorf zu Dorf und boten das Leben und Leiden der Bevölkerung in kurdischer Sprache dar. Die sogenannten Dengbejs gelten somit als Akteure, die die kurdische Sprache bis zur heutigen Zeit lebendig gehalten und gepflegt haben. Der weltbekannte Schriftsteller Yasar Kemal bezeichnete sie einmal als Homeros – als kleine Homers. Auch Mehmed Uzun schreibt häufig über diese Künstler, die durch ein Projekt der Gemeinde Diyarbakır ein Kulturhaus („Dengbejs Haus“) erhalten haben.

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