Szenenfoto aus "Jeder gegen jeden"

© Gerhard Breitwieser

Aktionstheater
10/01/2016

So luuuuustiges Watschenspiel

Das jüngste Stück des - wieder für einen Nestroy nominierten - "Aktionstheaters" nimmt Entsolidarisierung aufs Korn.

von Heinz Wagner

Politisches Theater aber weder Lehrstücke noch plakativ – das sind die Produktionen des Aktionstheaters. Nach „Pension Europa“ ist dieses basisdemokratische Theater, das die Stücke weitgehend miteinander und dem Autor/Regisseur erarbeitet, nun zum zweiten Mal hintereinander mit „Kein Stück über Syrien“ für den Theaterpreis Nestroy in der Kategorie „Beste OFF-Produktion“ nominiert. In die Bekanntgabe dieser Würdigung fiel die Wiener Spielzeit des neuesten Stückes „Jeder gegen jeden“. Es ist das bisher schrägste, fast anarchischste Stück der Gruppe. In diesem geht es um die zunehmende Entsolidarisierung in der Welt, im Land, im unmittelbarsten Umfeld – auch unter den sich selbst als aufgeklärt und liberal verstehenden Menschen.

Nur eine weigert sich

Die zündelt Michaela das Watschenspiel an – ein Name wird gerufen und die betreffende Person geohrfeigt. Finde das Publikum, der Schlag sei nicht stark genug gewesen, so wird der Schlägerin/dem Schläger ihrer-/seinerseits ein verabreicht. „Do moch i sicha ned mit“, postuliert Roswitha (alle Akteur_innen in Aktionstheater-Stücken tragen auch auf der Bühne ihre echten Vornamen). „Das is aber soooo luuuustig!“ beharrt Michaela auf ihrem Vor-Schlag. Und Martin freut sich, dass es noch lustiger wäre, wenn jemand gar nicht mitmachen möchte. Beharrlich weigert sich Roswitha, die ihre Position(en) gegen Banken, TTIP, Ausbeutung usw. mit einer großen Bandbreite poetischer, vielfältiger, bildreicher Wiener Schimpfwörter, die bei ihr aber nie grauslich kommen, unterstreicht.

Nerven, bis es spürbar wird

Isabella, die mehrmals in die Runde ruft, sie hätte so gern bei einem positiven Stück mitgemacht, wird mit diesem ihrem Wunsch de facto ignoriert. Nach ihrem zum letzten Mal geäußerten Wunsch umarmt sie Kirstin – und ignoriert dabei mehr als offensichtlich, dass die das ganz und gar nicht freut.

Wie in allen Stücken spielen die Darsteller_innen mit letzten Einsatz, reizen vieles bis an oder über die Grenze aus – Michaela mit ihrem Hang zum Watschenspiel, so dass ihre Nervigkeit richtig spürbar wird oder wenn sie Susanne als geeichte Trinkerin so outet, bis der ihr Geduldsfaden reißt...

Jede/r für sich allein, auf den eigenen (Gefühls-)Vorteil bedacht, deckt viele um sich greifenden Verhaltensmuster auf – Aktionstheater-like natürlich nicht nur bierernst, sondern oftmals sehr humorvoll, ironisch. Drei Mal wird im Stück auch versucht, das Publikum mittels Summ-Abstimmungen dazu zu bewegen, Farbe zu bekennen. Das wird vielleicht jeweils zu schnell überspielt – ohne Zeit und Raum für die Bearbeitung der Ergebnisse zu lassen.

Ansonsten ist auch Jeder gegen jeden“ wieder sehr rhythmisch – musikalisch und in choralen Szenen. Bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt aufgrund des großen Publikumsandrangs, dieses schrägste Stück des Aktionstheaters wieder aufgenommen wird.

Jeder gegen jeden
Aktionstheater Ensembe, Koproduktion mit Bregenzer Frühling 2016 in Kooperation mit Werk X (Wien)

Regie / Konzept: Martin Gruber
Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble mit Wolfgang Mörth
Mit: Babett Arens, Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Alev Irmak, Isabella Jeschke, Alexander Meile, Roswitha Soukup, Kirstin Schwab.
Dramaturgie: Martin Ojster
Musik: Martin Hemmer, Andreas Dauböck
Bühne / Kostüme: Ona B.
Regieassistenz: Haçer Göçen

www.aktionstheater.at

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