Die "Sun City" eröffnet am Freitag: Das Sonnenblumenlabyrinth am Hauptplatz ist Van Gogh gewidmet

© /Mons 2015/©art point m

EU-Kulturhauptstadt
07/14/2015

Zwischen Van Gogh und Google

Die EU-Kulturhauptstadt Mons versucht, sich ein neues Image zu geben.

von Georg Leyrer

Am Anfang stand ein (kleiner) Schock: Ein riesiges Freiluft-Kunstwerk stürzte zu Weihnachten, noch vor der offiziellen Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres, teilweise in sich zusammen, der Rest musste aus Sicherheitsgründen abgebaut werden.

Ein etwas unguter Auftakt für Mons (Süd-Belgien). Doch seither wird in der 100.000-Einwohner-Stadt ein 70 Millionen Euro teures Jahresprogramm abgespult, das nicht zuletzt beim Generalthema – "Metamorphosen" – ins Schwarze trifft.

Im Wandel ist nämlich auch der Ort selbst. Mons, inmitten eines ehemaligen Kohlenreviers gelegene Universitätsstadt, sucht ein neues Image, auch um mehr Touristen in die schmucke Altstadt zu locken. Damit passt sie genau in jenes Bild, das seit Jahren die EU-Kulturhauptstädte prägt: Oftmals kleine bis mittelgroße Städte – von Sibiu über Pecs bis Mons – im Umbruch, die Jobsorgen, Budgetprobleme oder Aufholbedarf haben und sich nun über Kultur für die Zukunft positionieren wollen.

Baustelle

Der erwartete Tourismuseffekt wird als Anstoß für die Umsetzung großer Infrastrukturprojekte (oftmals: ein Bahnhof) verwendet. Die bleiben aber mit schöner Regelmäßigkeit unfertig, und so besucht man, gefühlt, die EU-Baustellenhauptstadt.

Mons (gemeinsam mit Pilsen in Tschechien EU-Kulturhauptstadt 2015) macht hier keine Ausnahme. Vom neuen, mit 150 Millionen Euro budgetierten Bahnhof von Stararchitekt Santiago Calatrava sind zur Jahresmitte nur gewaltige, nackte Betonpfeiler zu sehen; von denen aus führt ein Wirrwarr an Fahrverbots- und Einbahnstraßen zum dahinterliegenden, von Daniel Libeskind gestalteten neuen Kongresszentrum. Auch das steht noch wie ein Satellit zwischen Autobahnzubringer und Baustellen-Niemandsland.

Also Kehrtwende, zurück in die herausgeputzte Altstadt (besser linksrum gehen, rechts ist die Stadt noch rauer). Hier bieten sich sich den Touristen die vielfältigen Kulturereignisse an: So führt der Weg an leer stehenden Geschäften vorbei, über neu gepflasterte Straßen zum schönen Hauptplatz, wo dieser Tage ein Meer an Sonnenblumen ersprießen wird. Die Künstlerin Fanny Bouyagui, die bereits die Eröffnungsfeierlichkeiten für Mons 2015 gestaltet hatte, verweist mit diesem Blumenlabyrinth auf einen der heurigen Vorzeigekünstler: Vincent van Gogh hat unweit von Mons beschlossen, Künstler zu werden; auf diese ersten Karrierejahre des zugkräftigen Star-Künstlers weist Mons mehrfach im Jahresprogramm hin.

Wandel

Natürlich darf darin, vor allem in den Sommerwochen, auch allerlei im Vorbeigehen konsumierbare Freiluftkultur nicht fehlen. Im Zentrum aber steht der Wandel, im Politischen, in den Machtverhältnissen, in der Kultur.

So reichen die Themen im Programmparcours vom neuen Machtfaktor China über die gewaltigen Herausforderungen von Asylpolitik und Flüchtlingsströmen bis zu den digitalen Technologien (die Linzer Ars Electronica steuert ein Video-Projekt bei). Letzteres ist gerade in Mons kein Zufall: Unweit der Stadt hat Google eines seiner europäischen Datenzentren, viele Start-ups haben sich in Mons angesiedelt. Das Digitale und die Kultur gelten allgemein als zwei der Königswege in Richtung Zukunft für jene Regionen, deren Stärken bisher in der Schwerindustrie lagen.

Auch Linz (Kulturhauptstadt 2009) und das Ruhrgebiet (2010) setzten stark auf diese Verbindung.

Apropos Herausforderungen: Mit gleich fünf neuen Museen geht Mons aus dem Kulturhauptstadtjahr heraus, darunter mit dem Silex’s (im Gebiet der nahen historischen Feuerstein-Minen) und dem Mons Memorial Museum (zum Zweiten Weltkrieg). Zudem gibt es ein neues Konzerthaus. So stellt sich für Mons eine weitere Frage, mit der bereits andere Kulturhauptstädte zu kämpfen hatten: Kulturgebäude brauchen Kulturprogramm; und um das auf Dauer mit eigener Strahlkraft zu versehen, braucht es viel laufendes Budget. Der Wandel endet auch in Mons nicht mit dem Kulturhauptstadtjahr.

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