Kultur | Zugabe
22.06.2018

Stimmgabelung: Junge Sänger müssen viel können – nicht zuletzt: Nein sagen.

Ein Leben zwischen Wettbewerben, ersten Angeboten, Hoffnungen und Enttäuschungen: Studierende der Musikuni sprechen über ihre Ausbildung, Vorbilder und die schwierigen Fragen, die sich schon früh stellen – was etwa passiert, wenn die Stimme nicht ausreicht.

Irgendwie sprechen sie anders. Das liegt nicht am Akzent, der jungen Leute, die aus Island, Ungarn, Tschechien, Japan, St. Pölten und Wien kommen, sondern an ihrer künftigen Profession. Sie wollen Opernsänger werden. Wie sie beim einfachen Small-Talk die einzelnen Vokale formen, den Sopran-, Tenor- und Bassfärbung beim Sprechen mitklingen lassen, macht erkennbar: diese Stimmen sind geschult. Die sollen einmal der Welt Mozart, Verdi, Wagner vermitteln.

Noch sind sie im geschützten Probenraum der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Eines aber haben sie gemeinsam, die Stimme einer jeden und eines jeden von ihnen wurde entdeckt. Michael Schade bringt es auf den Punkt: „Man wird nicht Sänger, weil man selbst sagt, dass man es wird, sondern weil man gefragt wird.“ Schade, einer der führenden Tenöre der Gegenwart und derzeit Artist in Residence der Mdw, hatte zunächst den Beruf eines Veterinärs geplant, bevor er bei einem Sängerwettbewerb in Kanada entdeckt wurde.

In diesen Tagen studiert er mit den angehenden Kollegen Mozarts „Così fan tutte“ für eine halb-szenische Aufführung im Schönbrunner Schlosstheater ein. (Vorstellungen am 12. bis 15. Juli).

Kurz vor dem Sprung

Einige aus der Besetzung stehen kurz vor dem Sprung in ihre Laufbahn, wie die gebürtige Isländerin Kristin Sveinsdottir. Seit ihrer frühen Kindheit sang sie im Kirchenchor, wie die meisten Kinder in Island. Dennoch habe sie erst daran gedacht, professionell zu singen, als ihr der Chorleiter, der selbst in Wien studiert hat, immer mehr Soli überantwortet und schließlich das Gesangsstudium nahegelegt hat. Ihr Studium in Wien hat Svensdottir für eineinhalb Jahre unterbrochen, um das Opernstudio an der Mailänder Scala zu absolvieren.

Erste Angebote an andere Häuser schlug sie aus, weil sie sich noch nicht reif dafür fühlte und kehrte nach Wien zurück „Nein sagen ist nicht leicht, aber es gehört zum Beruf“, sagt sie. Ebenso die Praxis. Deshalb sorgt man an der Mdw auch dafür mit eigenen Aufführungen.

Mentoring

„Für den Unterricht und die künstlerische Entwicklung ist es wichtig, den Studierenden eine geschützte Atmosphäre für kreatives Üben und Experimentieren sowie Erproben von Aufführungssituationen zu ermöglichen“, erklärt Margit Klaushofer, Leiterin der Abteilung Gesang und Musiktheater an der Mdw. Nicht unerwähnt lässt sie die Einführung des Fachs „Karriere-Mentoring“, das auf den Sängerberuf vorbereitet. Das geschieht in Workshops mit renommierten Profis wie dem Dirigenten Adam Fischer, der Sopranistin Krassimira Stoyanova, dem künftigen Burgtheaterdirektor und Opernregisseur Martin Kušej.

Und derzeit bei den Proben zur „Cosí“, wie die Proben zeigen. „Ich profitiere enorm von dieser Arbeit“, sagt Johannes Bamberger, der ab der nächsten Spielzeit im jungen Ensemble des Theaters an der Wien ist, wo er zuletzt in „Der Besuch der alten Dame“ reüssiert hat. Dennoch werde er sein Studium an der Mdw beenden, sagt er und schwärmt vom Rollenstudium mit Michael Schade. Dabei habe er erfahren, was im gängigen Unterricht so nicht auf dem Lehrplan steht. Etwa, wie es dem Tenor beim Rezitativ vor einer Arie geht. Dieses Wissen sei für jeden Sänger sehr wertvoll, sagt Bamberger.

In einem musikalischen Haushalt in St. Pölten aufgewachsen, beide Eltern waren Mitglieder des Domchors, wollte er als Kind schon Sänger werden. Als er den Vater verlor, war er im Teenageralter und ersetzte die Klassik durch Rock und Heavy Metal, setzte den Gesangsunterricht aber fort, um auch für dieses Genre gerüstet zu sein. Als er in Wien der Singakademie beitrat, brachte ihn der Chorleiter zurück zur Klassik.

Abbrechen?

Was aber, wenn die Stimme nicht für die Opernbühne nicht reicht? „Durch die Umstellung der Diplomstudien auf das Bachelor-Mastersystem gibt es keine Studienabbrecher im alten Sinne mehr“, sagt Klaushofer. Mit dem Bachelor haben die meisten nach vier Jahren einen Abschluss. Am Institut der Mdw haben sie Möglichkeit, Masterstudien wie Musikdramatische Darstellung, Konzert und Vocal Performance anzuschließen. Auch weitere „fachnahe“ Studien können absolviert werden, wie das Diplomstudium Musiktheaterregie nach erfolgreicher Zulassungsprüfung. Wer bereits im Engagement steht, hat mit dem Masterstudium Vocal Performance die Möglichkeit, berufsbegleitend einen Master of Arts erwerben.

Der erfolgreiche Mdw-Absolvent Jongmin Park ist heute im Ensemble der Wiener Staatsoper. Mehr als dreißig Partien beherrscht der Koreaner in diversen Sprachen, wie er nicht nur einmal bewiesen hat. Seine rasante Karriere, die ihn auch ins Ensemble nach Hamburg führte, verdankt er nicht zuletzt Wettbewerben. Noch während Endrunde des Belvedere-

Wettbewerbs nahm er das Angebot für einen Platz am Opernstudio an der Mailänder Scala an, wo er nicht nur Michaela Freni überzeugt hat. Deshalb sollte man sich immer Wettbewerben stellen. Das Wichtigste aber, sei die Leidenschaft für den Beruf, erklärt Park, der bereits junge Kollegen unterrichtet „Wer ein guter Sänger werden will, muss nach dieser Musik verrückt sein“, sagt Park, der das vorlebt.