Kultur
11.08.2018

Wolf Wondratschek: Echte Kunst braucht Stille

Nach dem Roman "Selbstbild mit Ratte", von dem es nur 1 Exemplar gibt, nun wieder etwas für die Allgemeinheit.

Wien, das ist für ihn die ideale Adresse, um nicht von dieser Welt sein zu müssen.
Schon für diese Erkenntnis könnte man Wolf Wondratschek abbusseln. Aber als Schmusebär wurde der heute 74-Jährige nicht bekannt.
Seit gut zwei Jahrzehnten lebt er in Wien seine Faulheit aus. (Sagt er selbst.) Mit  Gedichten hat er wie kaum ein anderer  ordentlich Geld verdiente, begonnen 1969 mit  „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“.
Manchmal verkauft Wondratschek   handgeschriebene Lyrik, zuletzt war bei einer Ausstellung in Berlin ein Gedicht samt Copyright um 9800 Euro zu haben.

Nur ein Leser

Der Roman „Selbstbild mit Ratte“ erschien in einer Auflage von 1 Exemplar. Ein Buch für einen einzigen Leser, einen Mäzen.
Wondratschek hat 2017 auch den „Alternativen Büchner-Preis“ bekommen, mit 50.000 Euro so hoch dotiert wie der echte. Gestiftet vom einzigen Jurymitglied, dem deutschen Investor und Literaturfreund  Helmut Maier, der auch das „Selbstbild mit Ratte“ gekauft hatte. So lässt sich gut auf den Literaturbetrieb pfeifen.
Der Ullstein Verlag bringt dieser Tage 13 Gedichtbände Wondratscheks  neu heraus ... und zusätzlich den neuen Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“.
Also Klavier statt Ratte. Aber wieder eine Möglichkeit, die eigene Biografie NICHT zu schreiben und dennoch einiges über sich zu verraten,  von der eigenen Kraft und Leidenschaft zu erzählen, sich Gedanken über die Kunst zu machen („Suchen Sie nicht nach dem, was Sie verstehen!“)

Scharfes Gulasch

Ein alter, herzkranker, aus Russland  emigrierter Pianisten, „seine Hose riecht nach Verzweiflung“, ist der Gesprächspartner.
In  einer Wiener  Pizzeria , wo die Treffen stattfinden, hat man anfangs (aber nur anfangs) das lustige Gefühl, da macht sich wieder einmal ein Autor wichtig ... wie jener Zeuge, der sich bei der Polizei meldet, um Wichtiges über einen Übeltäter auszusagen:
„Ihm ist kein Gulasch scharf genug!“
Aber langsam reden sich Pianist und Ich-Erzähler in Fahrt, langsam liest man sich in Fahrt, macht Station beim betrunkenen Beethoven, bei Sviatoslav Richters  Art, Schubert zu spielen  ...  Musik ist wichtig im Roman, aber  ebenso:
Geht es Ihnen auch so, dass die Vergangenheit VOR einem liegt, es gibt noch etwas zu entdecken, und die Zukunft hinten bleibt?
Herzstück des Buchs, das auch Hommage an die Musik ist: Der Pianist ärgert sich über „dieses dumme Geschäft“ = den Applaus. Noch ist der letzte Ton nicht verklungen, schon wird geklatscht und Bravo gerufen.
Was sind das für Menschen, die in Jubel ausbrechen bei einem Stück, das Schubert kurz vor seinem Tod komponiert hat?
Innehalten sollen die Leut’. Alles wirken lassen.  Das gilt auch bei Literatur.
Also ...

 

Wolf
Wondratschek:
„Selbstbild mit russischem
Klavier“
Ullstein Verlag.
272 Seiten.
22,70 Euro.

Die KURIER-Wertung entfällt heute wegen Innehaltens.