William S. Burroughs: König der Beatniks

Ein Mann in Anzug steht vor einer Holzwand mit der Aufschrift „Danger“.
Als exzessiver, drogensüchtiger Literat wurde er zur Ikone der Beat Generation. Die Kunsthalle Wien zeigt Burroughs als Multimediakünstler.

Neben legendären Shotgun Paintings - dabei stellte Burroughs Spraydosen vor eine Leinwand und schoß auf sie - wirft die Ausstellung "Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs: Die Kunst des William S. Burroughs" mit Cut-ups in unterschiedlichen Medien einen Blick auf den Cross-over-Charakter des Werks von William S. Burroughs zwischen Literatur, Bild und Sound, das weite Bereiche der Massenkultur, Musik und Techniken des digitalen Samplings beeinflusst hat. Der Bogen der Ausstellung spannt sich von Textbildcollagen, Fotomontagen, Audioassemblagen und Experimentalfilmen über dokumentarisches Fotomaterial und seltenen Büchern bis hin zu abstrakter Malerei. Die Cut-up-Methode als zentrales Element seiner künstlerischen Sprache hat Burroughs früh auf Tonbandexperimente angewendet, die Künstler späterer Jahre unterschiedlichste Möglichkeiten eröffnet und vor allem auf lyrische Formen bei den Beatles, Frank Zappa, Lou Reed, David Bowie, Brian Eno, Patti Smith, Laurie Anderson und Sonic Youth Einfluss genommen hat.

Der Mann hinter dem Namen William S. Burroughs

William Seward Burroughs wurde am 5. Februar 1914 in St. Louis, Missouri, geboren. Er studierte an der Eliteuniversität Harvard Allgemeine Semantik und Medizin und graduierte 1936. Ein Jahr später reiste er quer durch Europa, machte auch in Österreich Halt und schrieb sich für kurze Zeit  an der Universität Wien ein. In der Bundeshauptstadt lernte er seine erste Frau Ilse Klapper kennen. Sie war Jüdin und musste vor den Nazis flüchten. Deshalb heirateten die beiden in Kroatien, damit Klapper eine Aufenthaltsbewilligung in den USA bekam. Zurück in Amerika schlug sich Burroughs unter anderem als Kammerjäger, Barmixer, Journalist und Privatdetektiv durch, bis er 1942 seinen Militärdienst ableistete.

Die Wilhelm Tell- Situation

Drogen und Alkohol war Burroughs nie abgeneigt. Bereits in der Highschool begann er mit mehr oder minder illegalen Substanzen zu experimentieren - damals noch mit dem Schlafmittel Chloralhydrat. Später wurde er süchtig nach Heroin und nahm an LSD-Versuchen unter der Leitung des Hippie-Gurus und Psychologen Timothy Leary teil.

1949 wurde Burroughs wegen des Besitzes von Drogen angeklagt und floh nach Mexiko. An einem feucht-fröhlichen Abend mit seiner zweiten Frau Joan Adams, die er 1946 ehelichte, und ein paar Freunden kam er auf eine folgenschwere Idee: Er wollte mit Joan die bekannte Wilhem Tell-Szene nachspielen - leider traf er nicht den Apfel sondern seine Angetraute, die daraufhin starb. Die Behörden werteten den Vorfall, als Unfall und Burroughs saß lediglich 14 Tage in Untersuchungshaft. Schockiert von diesem Vorfall begann er mit den ersten Entwürfen für seinen Roman „Naked Lunch“.

Die Beat-Generation

Ein Mann im Anzug lehnt an einer verzierten Holztür und hält eine Brille in der Hand.

Ginsberg, Kerouac und eben Burroughs gelten als die zentralen Figuren bzw. die Begründer der Beat Generation der 1950er-Jahre. Eingeführt wurde der Begriff von Jack Kerouac, der das Wort „Beat“ aus der Umgangssprache von Kriminellen entlieh. "Beat" bedeutet soviel wie „müde“, „besiegt“ oder „heruntergekommen“. Kerouac erweiterte seine Bedeutungen zusätzlich um „seligmachend“ (beatific), „euphorisch“ (upbeat) und auch „Bepop“ (being on the beat bzw. im Rhythmus sein) im Bezug auf Musik. Die wichtigsten Werke der damaligen Zeit waren Kerouacs Roman „Unterwegs“ („On the Road“), das Gedicht „Howl“ von Ginsberg und eben „Naked Lunch“ von Burroughs. „Naked Lunch“ und „Howl“ wurden wegen angeblicher Obszönität sogar Fälle für die Gerichte – die Freisprüche verhalfen zu freizügigeren Publikationen in den prüden USA.

Die Cut-up-Methode

Als revolutionärer Verfasser des radikalen Romans "Naked Lunch" und homosexueller Intellektueller bewundert und für seine Schusswaffenbegeisterung kritisiert, begründete William S. Burroughs – inspiriert vom Maler Brion Gysin – eine neue Form des Schreibens: die Cut-up-Methode. Bei dieser Technik werden Textfragmente intuitiv zu offenen, assoziativen Erzählstrukturen zusammenfügt, um die Grenzen der Sprache zu erweitern und das menschliche Bewusstsein zu beschreiben. "Das Leben ist ein Cut-up", so Burroughs, "sobald du die Straße entlang läufst wird dein Bewusstsein von zufälligen Faktoren zerschnitten. Cut-up ist näher an den Tatsachen der menschlichen Erfahrung als eine lineare Erzählmethode."

Burroughs abseits der Literatur

Ein Mann steht in einem Fenster, umgeben von Schwarzweißfotografien eines Kissens.

1960 entstanden die ersten Cut-up-Tonbänder und Collagen, und Burroughs wurde zu einer Bekanntheit der Untergrundszene der 1960er- und 1970er-Jahre. Die  Geschichten, die sich um sein Leben ranken und den autobiografischen Charakter seiner Romane prägen, sind immer kontrovers geblieben, sein Schaffen hat aber auf vielen Kanälen abseits des Schreibens die Ausdrucksformen der Populärkultur durchdrungen. 

Die Cut-up-Methode war für Burroughs nicht nur eine Technik und ein Stilmittel, das den Zufall mit einbezog und Autorschaft postmodern definierte, sondern ausgehend vom literarischen Experiment der Ausdruck seiner kritischen Stimme und eine Waffe gegen jede Art von Kontrolle durch autoritäre Strukturen und Glaubensvorstellungen. Burroughs interessierte sich für die Abhängigkeit der alltäglichen, politischen Öffentlichkeit vom Wort als einem manipulierenden Virus, das sich durch die Medien der Informationsgesellschaft zieht. Bereits 1971 sprach der Autor von der „elektronischen Revolution“ und beeinflusste damit Gegenkulturen von der Acid-Szene bis zu Punk und erlangte in der jungen New Yorker Kunstszene der 1980er und 1990er Jahre späte Popularität.

"Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs: Die Kunst des William S. Burroughs"
15. Juni und 21. Oktober, Kunsthalle Wien

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