Wie kommt das Salz ins Meer - von Brigitte Schwaiger

Brigitte Schwaiger (1949 - 2010): "Von Beruf: Hausfrau, steht in<br />
meinem neuen Pass. Schnecke hätten sie besser geschrieben. Schnecke. Haare: gefärbt. Augen: braun. Besondere Kennzeichen:<br />
Keine, steht im Pass."
Foto: APA/Simon Mark/Archivbild

In den 1970er-Jahren war das "Ich" in der Literatur en vogue, Autorinnen und Autoren brannten darauf, ihr Innerstes zu erforschen.

Mit einem verträumten, tragisch-komischen Roman legte 1977 eine junge Oberösterreicherin ihr Debüt vor, das zum Sensationsbestseller avancierte. Brigitte Schwaiger war 28 Jahre alt, als das etwas über 100 Seiten umfassende "Wie kommt das Salz ins Meer" bei Zsolnay herauskam. Das Manuskript wanderte zuvor einige Jahre von Verlag zu Verlag. Angenommen und publiziert wurde es erst durch die Empfehlung von Johannes Mario Simmel - ebenfalls Zsolnay-Autor. In den 1970er-Jahren war das "Ich" in der Literatur en vogue, Autorinnen und Autoren brannten darauf, ihr Innerstes zu erforschen.

Nicht jedem gelang diese Analyse der eigenen Befindlichkeit - manche dieser Texte sind heute nur noch schwer zu ertragen. Ganz anders Brigitte Schwaiger: Ihr Roman zeigt die Facetten einer Frauenseele ohne jegliche Larmoyanz, achtet auf kleinste Details und verfeinert das beschriebene Scheitern einer Ehe mit subtilem Humor. "Wie kommt das Salz ins Meer" ist als einheitlicher Bewusstseins-Strom konzipiert - die namenlose Ich-Erzählerin lässt uns die Zeit von ihrer Heirat mit dem Diplom-Ingenieur Rolf bis zur Scheidung miterleben. Dazwischen liegen Hoffnungslosigkeit und Situationskomik, Rückblenden in die Kindheit, der Auftritt vom Jagdhund Blitz, eine Affäre mit Rolfs bestem Freund und eine Abtreibung. Und immer wieder schonungslose Beschreibungen der ihr zugedachten Rolle: "Wenn eine Frau beweisen will, dass sie nicht blöd ist, dann gibt man ihr die Chance, unter der Voraussetzung, dass es nicht die ist, mit der man verheiratet lebt."
Die Ich-Erzählerin prangert nicht an, sie klagt und jammert nicht. Sie beschreibt und erinnert. Durch Schwaigers brillante Sätze schwingt dennoch die Kritik an der verkorksten, einkerkernden bürgerlichen Welt mit - "gutbürgerlich" ist nicht umsonst das allererste Wort des Romans.

Brigitte Schwaiger (1949 - 2010): "Von Beruf: Hausfrau, steht in<br />
meinem neuen Pass. Schnecke hätten sie besser geschrieben. Schnecke. Haare: gefärbt. Augen: braun. Besondere Kennzeichen:<br />
Keine, steht im Pass." Foto: APA/Simon Mark/Archivbild Brigitte Schwaiger (1949 - 2010): &quot;Von Beruf: Hausfrau, steht in
meinem neuen Pass. Schnecke hätten sie besser geschrieben. Schnecke. Haare: gefärbt. Augen: braun. Besondere Kennzeichen:
Keine, steht im Pass.&quot;

Auch mehr als dreißig Jahre nach der Veröffentlichung staunt man über dieses beeindruckende sprachliche Diagramm einer erzwungenen Ehe, leidet mit, verzweifelt, lacht und schöpft doch auch Kraft für den eigenen Weg.
Brigitte Schwaiger fand ihn nicht. Den großen Triumph ihres Erstlings verkraftete sie nie, erklärte in einem Interview: "Ich war doch so jung und so verträumt". Die folgenden Bücher, etwa "Mein spanisches Dorf" von 1978 oder "Der Himmel ist süß" von 1984, konnten nicht an ihren Erfolg anknüpfen - Schwaiger wurde von Literaturbetrieb und Publikum ins Vergessen gedrängt. In den Neunzigern sei sie "kaputt vom Nachgrübeln über mein unglückliches Leben gewesen", finanziell ruiniert und psychisch erkrankt. Sie beginnt Stimmen zu hören, Borderline wird diagnostiziert. Sie nimmt Tabletten, hält es nicht mehr aus, lässt sich freiwillig in die Psychiatrie einweisen. Es wird still um Brigitte Schwaiger, bis sie 2006 erneut ein Zeichen setzt: "Fallen lassen" erscheint, ein Bericht über ihr psychisches Leiden. So intim wie beklemmend thematisiert sie Suizidversuche, ihre Borderline-Persönlichkeit und den Aufenthalt in der Wiener Baumgartner Höhe. Über sich und ihre Mitpatienten schreibt sie: "Wir sind die letzte Klasse in Österreich, in Europa, die letzte Klasse überall auf der Welt".

"Fallen lassen" bekommt euphorische Kritiken und wird zum zweiten Erfolg der Brigitte Schwaiger. Aber auch ihr letzter: Am 26. Juli 2010 fand man ihren in der Donau treibenden Körper. Noch in "Fallen lassen" hatte sie geschrieben: "Es ist jetzt immer öfter so, dass ich den kürzeren Weg wählen möchte, und das wäre, mich aus einem hohen Fenster zu stürzen. Der längere Weg ist, zu schreiben über mein unglückliches Leben."

(kurier / Johanna Rachinger) Erstellt am
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