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Musik / Literatur
06/03/2019

Wie das Jodeln zu den Cowboys kam

Mit dem Buch "Jodelmania" gab der deutsche Musikhistoriker Christoph Wagner dem „Singen aus der Gurgel“ eine seriöse Geschichte.

von Peter Pisa

Es begann mit einem „io“, und in der Folge  wurde es ein „io io io“, um den Menschen im Tal mitzuteilen, dass  hoch drobn auf dem Berg alles in Ordnung ist bzw. um die Kühe zu rufen.
Dass das „unartikulierte Singen aus der Gurgel“(Definition aus dem Jahr 1810) von den Alpen übers Meer nach Amerika schwappte, war damals nicht zu erwarten gewesen.
Aber drüben  jodelten  die Country-Stars  Jimmie Rodgers, Gene Autry, Roy Rogers, Hank Williams, sogar Tarzan, und der blinde Riley Puckett jodelte noch dazu in den 1920ern vom „Sauerkraut“, das eine schreckliche Macht über ihn ausübte, er salzte es und salzte es, und es wurde immer besser ...
Davon steht nichts in Christoph Wagners Buch „Jodelmania“, das vorige Woche erschienen ist. (Die Existenz des Liedes „Sauerkraut“ gehört ohnehin zur Allgemeinbildung, haha.)

Dödl di

Wohl aber macht Wagner bekannt mit Wylie Gustafson, der heute das alte „Cowboy Yodeling“ pflegt und dessen bekannteste Darbietung von einem Dorftrottel handelt, der jodelt, und alle im Ort machen sich über ihn lustig.
Warum Gustafson – siehe Foto oben – dazu in die Luft springen muss, bleibt rätselhaft.
Christoph Wagner ist Musikhistoriker. Sein schön bebildertes Buch blödelt nicht – was ja bei diesem Thema durchaus möglich ist (wie Loriot gezeigt  hat, als er die richtige Jodelaussprache unterrichtete: „Holleri du dödl di, diri diri dudl dö.“)
Sondern er gibt dem  Wechselspiel aus Brust- und Kopfstimme endlich eine seriöse Geschichte.
Wagner beschäftigt sich mit dem „kulturellen Ausdruck der Alpen“, der durch Migration in der Welt verbreitet wurde. Zuerst zogen singende Viehhirten ums Jahr 1770 vom Land  in die Wirtshäuser der Städte.
Wo sie anfangs so gut wie keine  Beachtung fanden.
Aber dann, mit den Geschwistern Rainer aus Fügen im Zillertal, die sich auf Welttournee wagten und reich und adelig wurden, begann um 1820 die Jodelmania.
Sie hielt, mit Unterbrechungen, bis in die 1940er Jahre an.
Die Pfuscher aus dem Rheinland, die sich in fernen Ländern als Tiroler Musikanten ausgaben, vergessen wir.
Das waren fiese Möpp.

Papa Seidl

Die Zillertaler sowie steirische Jodler wie Freudenschuß, Fischer, Herzog, Lauser wurden Berühmtheiten, weil sie Sehnsucht nach Natur und Freiheit auslösten.
Auswanderer, vor allem die vielen bayerischen, pflegten in Amerika in eigenen Vereinen den alpinen Gesang. In  Vaudeville-Shows etablierten sich österreichische Jodler  zwischen Feuerschluckern und Kunstradfahrern.
Der Papa Seidl, ein Wiener Kaffeehausbesitzer, sang mit hawaiianischen Musikern, in Honolulu wurde bald darauf Zither gespielt.
Jodler tingelten in Kutschen durchs Land der Indianer. Lucky Luke hätte viele zu beschützen gehabt.
Das Singen ohne Text war in der Unterhaltungsbranche allgegenwärtig, es eroberte auch Blues und Ragtime. Cyndi Lauper jodelte 2016 noch ein Solo (Album „Detour“), aber Jodeln ist in den USA ein Nischenprodukt geworden.
Anders in Europa. Das Buch „Jodelmania“ kommt zu einer Zeit, in der  ein Jodelfestival abgehalten wird (in München), mehrere Jodel-CDs erscheinen (bei Trikont), junge Musiker mit diesem Gesang experimentieren.
Beim Dorftrottel in Gustafsons Lied „Yodeling Fool“ werden sich die Leute entschuldigen müssen. Denn eines Tages ist sein Jodeln im Radio zu hören.
Soll heißen: Io, io, da geht  noch einiges.


Christoph
Wagner:
„Jodelmania“
Verlag
Antje Kunstmann.
320 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****