Dirigent Bertrand de Billy wehrt sich

© Reuters/HERWIG PRAMMER

Staatsoper
03/26/2014

Warum sich De Billy von "Lohengrin" zurückzog

Der Dirigent nimmt Stellung zu den Vorwürfen, die Staatsopern-Premiere wegen eines einzigen Strichs abgesagt zu haben.

Die Meldung des KURIER war am Mittwoch das Gesprächsthema unter Operninteressierten: Der Dirigent Bertrand de Billy legte das Dirigat der Neuproduktion von Wagners "Lohengrin" zurück. An seiner Stelle wird nun Mikko Franck die Premiere am 12. April sowie die Folgevorstellungen leiten.

"Es ging um einen Strich im letzten Aufzug, der weltweit üblich – auch an der Wiener Staatsoper – und repertoiretauglich ist, mit dem Bertrand de Billy nicht einverstanden war. Ich habe versucht, zwischen den an der Produktion beteiligten Künstlern zu vermitteln und einen Kompromiss vorgeschlagen, nämlich die Fassung mit dem Strich, die in Bayreuth aufgeführt wird", sagt Staatsoperndirektor Dominique Meyer. "Herr de Billy hat das – im Gegensatz zu Sängern und Regisseur – abgelehnt und das Dirigat zurückgelegt, was ich natürlich bedauere. Letztendlich, finde ich, sollte man doch die Verhältnisse sehen – es geht um etwa zwei Minuten Musik in einer Oper, die viereinhalb Stunden dauert."

"Kein Miteinander"

De Billy widerspricht dem in einer ausführlichen Stellungnahme (siehe unten): "Der wirkliche Grund der Absage liegt daran, dass ich mich mit der Tatsache konfrontiert sah, dass es innerhalb der Produktion kein Miteinander mehr gab, die Art der Kommunikation – für mein Verständnis – im Grunde inakzeptabel war und ich von der Leitung des Hauses in dieser Sache keine wirkliche Unterstützung erhalten habe."

Die Zeiten, "wo noch die Mitarbeit des Dirigenten bei der Konzepterstellung gefordert waren, haben sich ins Gegenteil verkehrt". Er wehre sich auch dagegen, "dass Fassungen, noch dazu für Neuproduktionen, durch Sängerwillkür festgelegt werden."

Bertrand de Billy im vollen Wortlaut zur Absage für "Lohengrin"

"Nachdem die Direktion der Wiener Staatsoper nun zum wiederholten Male verbreitet, ich hätte für die Neuproduktion des Lohengrin wegen eines Strichs im dritten Akt abgesagt, sehe ich mich gezwungen, entgegen meiner festen Absicht, nun doch öffentlich Stellung zu nehmen.

Zum Ersten: richtig ist, dass ich bereits bei Übernahme dieser Produktion erklärt habe, dass ich es im Grunde für unverzichtbar halte, eine Lohengrin-Premiere in Wien so zu geben, wie es der Komponist ausdrücklich gewünscht hat. Es ist eine Tatsache, dass sich Richard Wagner - angefangen von seinen Briefen an Franz Liszt vor der Uraufführung bis zu seinem Tode - immer wieder entschieden gegen Striche im Lohengrin ausgesprochen hat. Das war nicht bei allen seiner Opern so; im Tristan hat er sogar bis zum Schluss zahlreiche Strichvorschläge gemacht, im Fliegenden Holländer und bei Tannhäuser durchaus übliche Striche akzeptiert. Nicht so beim Lohengrin. Der Grund, den üblichen Strich möglichst zu vermeiden (wie es auch schon bei der letzten Neuproduktion an der Wiener Staatsoper geschehen ist – allerdings noch erweitert mit dem vom Komponisten entfernten zweiten Teil der Gralserzählung) liegt aus musikalischer Sicht im symphonischen Aufbau der Partitur, der durch diesen Strich einen empfindlichen Eingriff im Finale erleidet und eigentlich strukturell und harmonisch nicht wirklich akzeptabel ist.

Zum Zweiten: das Argument, das die Direktion nunmehr vorbringt, der Strich sei "international üblich", kann wohl nicht ernsthaft als Argument einer künstlerischen Entscheidung bei einer Neuproduktion an der Wiener Staatsoper geltend gemacht werden. Noch vor wenigen Jahren war nicht nur bei Werken Richard Wagners (Holländer, Tannhäuser, Tristan) sondern auch bei Mozart, Strauss, Verdi und vielen anderen eine Reihe von Strichen "international üblich", an die man heute überhaupt nicht mehr denkt. Die Zeit hat sich hier Gott sei Dank weiterentwickelt, warum ausgerechnet der Strich im Lohengrin sakrosankt sein soll, will sich mir ebenso wenig erschließen, als die offensichtliche Tatsache, dass heutzutage Operndirektoren und Regisseure glauben, die besseren Dramaturgen zu sein als die größten Opernkomponisten der Vergangenheit. Ein weiteres Argument der Direktion war nun plötzlich das der Repertoiretauglichkeit. Wenn man weiß, dass ein hochprofessionelles Archiv wie das der Wiener Staatsoper im Bedarfsfall solche Striche in 15 Minuten öffnet und schließt, wie es ja in der Vergangenheit auch schon der Fall war, kann man diesen Einwurf, denke ich, getrost übergehen. So viel zu den Voraussetzungen.

Dass die Aufführung strichlos herauskommen soll, war also von vorneherein klar (und als man mich engagiert hat auch keine Überraschung: in meinen bisherigen Premieren habe ich mich IMMER dafür eingesetzt, die vollständigen Fassungen zu präsentieren; ob es nun der französische Don Carlos war, Manon oder Faust...). Alle Sänger wurden vor über einem Jahr darüber schriftlich verständigt. Von niemandem kam der geringste Einwand.

Am 18. Juni 2013 fand eine Produktionsbesprechung mit Vertretern der Wiener Staatsoper, dem Regisseur und mir statt. Nochmals wurde – auch vom Regisseur! - ausdrücklich bestätigt, dass die Aufführung strichlos sein soll. Es war also keine Überraschung, sondern es war vereinbart.

Nachdem ich all dies erklärt habe, betone ich aber nun nochmals, dass trotz allem dies nicht der Grund meiner Absage ist und der Direktor müsste das sehr gut wissen, denn es steht auch nochmals in der Begründung meiner Absage vom 24. März abends. Eine Produktion von Lohengrin an der Wiener Staatsoper gibt man nicht leichtfertig zurück. Ich habe für diese Produktion mehr Vorstellungen abgesagt, als hier in Wien geplant waren und das waren durchaus künstlerisch alles sehr interessante Projekte – aber Lohengrin an der Wiener Staatsoper bleibt etwas Besonderes.

Der wirkliche Grund der Absage liegt aber letztlich daran, dass ich mich mit der Tatsache konfrontiert sah, dass es innerhalb der Produktion kein miteinander mehr gab, die Art der Kommunikation - für mein Verständnis - im Grunde inakzeptabel war und ich von der Leitung des Hauses in dieser Sache keine wirkliche Unterstützung erhalten habe. Wenn man Vereinbarungen so einfach über Bord werfen kann, und diese nicht einmal halbwegs anständig kommuniziert werden, stellt sich dann die Frage, wo es mit dem Arbeitsethos in einer ersten Kulturinstitution hingekommen ist.

Es mag durchaus sein, dass ich hoffnungslos altmodisch bin und letztlich kann ja keiner aus seiner Haut heraus, aber mich stört schon seit geraumer Zeit generell und unabhängig vom vorliegenden Fall, dass es zwischen Musik und Szene kein wirkliches Miteinander gibt. Die Zeiten, wo noch die Mitarbeit des Dirigenten bei der Konzepterstellung gefordert war, haben sich ins Gegenteil verkehrt; vorzeitige Fragen nach dem Konzept oder den künstlerischen Absichten werden heute als ungehörig empfunden und kaum jemand hat auch nur das geringste Interesse, den Dirigenten vor Probenbeginn einzubinden. Um nicht missverstanden zu werden: ich spreche hier nicht von der konkreten Produktion, die ich künstlerisch nicht beurteilen will und kann und nur das Allerbeste wünsche, sondern ich spreche ganz im Allgemeinen und ich möchte auch keinen Applaus von der falschen Seite, denn ich habe mich nie gegen zeitgemäßes Theater gewehrt – im Gegenteil! Aber es muss von einem gewissen Ethos gegenüber dem Werk getragen sein und natürlich auch von einer professionellen Arbeitseinstellung und gegenseitigem Respekt; Aspekte, die heutzutage leider nur mehr sehr selten anzutreffen sind. Inakzeptabel ist aber die Tatsache, dass jemand, entgegen den Vereinbarungen im Vorfeld, seine Meinung ändert und leider mit voller Unterstützung der Direktion - den anderen, in diesem Falle mich, überfahren will und man es nicht einmal für nötig findet diese „Entscheidung“ angemessen und persönlich zu kommunizieren.

Ebenso wehre ich mich dagegen, dass Fassungen, noch dazu für Neuproduktionen, durch Sängerwillkür festgelegt werden. Hätte mir der Sänger der Titelrolle zu einem frühen Zeitpunkt gesagt, dass er nicht im Stande ist, diese Stelle zu singen, hätte ich mich dagegen kaum verwehren können, denn in meiner ganzen bisherigen Karriere habe ich nur danach getrachtet, das Beste von jedem Sänger zu zeigen und nicht seine Schwächen.

Nur leider auch in diesem Falle: wenn von Anfang an keine Kommunikation stattfindet, ja diese geradezu verweigert wird, wie soll man sich als Dirigent weiter verhalten???

Der Grund meines Rückzuges aus dieser Produktion ist also nicht der Strich im dritten Akt an sich, sondern die Art und Weise wie man glaubt, mit gemeinsam getroffenen Entscheidungen umgehen zu können, die Kommunikation beziehungsweise Nicht-Kommunikation innerhalb der Produktion und die Erkenntnis, dass es für diese Neuproduktion an einem gewissen Punkt keine wirklichen Gemeinsamkeiten unter den Hauptbeteiligten gab.

Letzten Endes hatte ich gar keine andere Wahl mehr, wenn ich das noch ernst nehmen will, was für mich die Grundlagen einer künstlerischen Arbeit darstellt.

Dass ich durchaus Kompromisse eingehen kann und auf die momentanen Befindlichkeiten auch zu reagieren im Stande bin, habe ich in den vergangenen nun bald 20 Jahren an diesem Haus in zahllosen Repertoirevorstellungen, denke ich, ausreichend unter Beweis gestellt.

Zwischen einer Neuproduktion und einer Repertoirevorstellung muss aber ein Unterschied bleiben, sonst können wir uns Zeit und Aufwand sparen. Wenn der Kompromiss als die Gemeinsamkeit in einer Produktion verstanden wird, dann ist es Zeit zu gehen. Dies war - zumindest aus meiner Sicht und zu meinem tiefen Schmerz - in diesem Fall gegeben."
(Bertrand de Billy)

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