© Theater an der Wien/Werner Kmetitsch

Kritiken
11/17/2019

Von Oper bis Dragshow: Die Kritiken vom Wochenende

Im Theater an der Wien ist „La Vestale“ zu sehen. Und auch sonst ist einiges los an mehr oder minder geglückten (Kunst-)Stücken.

Im Musikverein gedachte man am Wochenende dem Dirigenten Claudio Abbado, Chansonnier Tim Fischer gastierte im Theater Akzent und Martin Puntigam präsentierte Trash-Comedy im Kabarett Niedermair.

An der Wiener Staatsoper wurde Manfred Trojahns "Orest" aufgeführt, am Stadttheater Klagenfurt steht Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" am Spielplan und Gaspare Spontinis Oper "La Vestale" ist am Theater an der Wien zu sehen.

Die gesammelten Kritiken lesen Sie in diesem Artikel.

"La Vestale" im Theater an der Wien: Überinszenierte Oper

Aber bleiben wir an der Wien. Man kann Intendant Roland Geyer gar nicht genug dafür danken, dass er auch für die Musikgeschichte wichtige Raritäten wie Gaspare Spontinis 1807 uraufgeführte Oper zur Diskussion stellt. Denn ohne Spontinis „La Vestale“ wäre vieles, das später passiert ist, kaum denkbar. Und im Theater an der Wien geschieht so eine Wiederbelebung naturgemäß (und grundsätzlich erfreulicherweise) in zeitgemäßer theatralischer Form.

Doch man kann es auch massiv übertreiben, wie diese Neuproduktion in der Inszenierung von Johannes Erath beweist. Schnell verständlich erschien Erath laut eigenem Bekunden die verbotene Liebesgeschichte zwischen der Priesterin Julia und dem siegreichen römischen Feldherrn Licinius, die trotz zwischenzeitlicher Tempelentweihung und anschließendem Todesurteil ein Happy-End findet.

Also versucht Erath in jeder Hinsicht originell zu sein. Aus der Göttin Vesta wird die Jungfrau Maria, deren überdimensionierte Statue mit Schwertern durchbohrt wird und so zu einem Symbol der gequälten Frau mutiert. Julia ist eine vom grapschenden Oberpriester und dessen Peitsche schwingender Frau gequälte Grenzgängerin, die zwischen grässlicher Bigotterie und sexueller Selbstbestimmung changiert. Licinius’ verräterischer Freund Cinna darf sich im Dauerturnen der Marke Leni Riefenstahl üben, der Feldherr selbst ist nur traumatisiert.

Als böses Volk muss der wieder einmal exzellente Arnold Schoenberg Chor allerlei Verrenkungen machen und auch die Party-People-Nummer geben. Dazu kommen ein paar platte Video-Projektionen (zum Ballett), Wasser, Feuer, Symbolik, römische Insignien, Psychoanalyse und die Aufstellung einer dysfunktionalen Familie. Das ist auf Katrin Connans Bühne (die Arbeiter sind ständig präsent) sehr viel und zugleich viel zu wenig.

Da helfen auch die schwarz-weißen Kostüme (Jorge Jara), die Videos (Bibi Abel), das Licht (Bernd Purkrabek), die wirre Dramaturgie (Olaf A. Schmitt) und die sichtbare, beeindruckende Bühnentechnik nichts – so einen heftigen Buhorkan gegen ein Leading-Team hat es an der Wien bis dato selten gegeben!

Und die musikalische Seite? Hier erweist sich Dirigent Bertrand de Billy am Pult der gut geprobten Wiener Symphoniker als wahrer Spontini-Kenner, der sehr viele Nuancen auslotet und in den richtigen Momenten auf Dramatik setzt. Als Julia macht die Sopranistin Elza van den Heever auch die vokalen Tücken dieser sehr anspruchsvollen Partie deutlich; überzeugt aber in den großen Arien.

Sehr erfreulich: Tenor Michael Spyres, der als stimmlich hinreißender Licinius keine Wünsche offen lässt; Ähnliches gilt für den überaus profunden Bassisten Franz-Josef Selig als Oberpriester und für Claudia Mahnke als dessen omnipräsente Frau. Aufhorchen lässt auch der Tenor Sébastien Guèze als Cinna. Sie alle erhielten ihren verdienten, lauten Beifall. (Von Peter Jarolin)

KURIER-Wertung: ***

Das RSO im Musikverein: Alles was klingen kann, klingt

Eigentlich hätte man, was in der Welt klingt und lärmt, in allen Foyers und Gängen hören sollen. Doch die Beschallung im Musikverein stimmte  eher  zurückhaltend auf ein gigantisches Werk ein: Die „Symphonie X“ von Dieter Schnebel, genauer Teil I und Teil II. Dieses fast drei Stunden währende Opus sollte beim „Claudio Abbado Konzert“ den Mitbegründer von „Wien Modern“ würdigen.

Dass die Hommage bescheiden ausfiel, lag nicht an den Musikern des ORF Radiosymphonieorchesters Wien, nicht an den Klagelauten der Mezzosopranistin Anna Clare Hauf und nicht an Dirigent Baldur Brönnimann. Der führte den groß besetzten Klangkörper mit Präzision. Das war nicht leicht, denn Streicher, Schlagwerke, eine Sense, inklusive, lieferten aus den Logen die Verstärkung.

Schnebel, der 2018 mit 88 Jahren starb, war bekannt für seine Überschreibungen von Mahler, Wagner, Verdi aber auch Bach. Eindrucksvoll spielte er auch in diesem Werk mit Motiven von Mahler, Ravel und Strawinsky. Die eklatanten Längen ließen aber erahnen, weshalb diese Fassung zuvor nur ein  Mal (Donaueschinger Musiktage 1992) aufgeführt worden ist.

Man hätte wahrscheinlich diesem Tondichter mit der Aufführung der zweiten Fassung seines Werks einen besseren Dienst erwiesen. Der hatte das Stück Anfang der 2000er Jahre zur  vierstündigen, „dreiaktigen utopischen Opernsinfonie“ vervollkommnet. Diese Programmierung lässt darüber nachdenken, ob einem Festival wie „Wien modern“ nicht mehr Mut zur Radikalität gut täte. Das Publikum dankte mit Ovationen. (Von Susanne Zobl)

KURIER-Wertung: *** 1/2

Tim Fischer im Theater Akzent: Pointen – komisch bis gepfeffert

Ein Abend mit Mut zu großen Emotionen gegen den Zeitgeist – zum Teil mit Evergreens, etwa von Hildegard Knef – wie aus der Zeit gefallen. Und das Gedicht „Die geschiedene Frau“ voll Witz, Spott und Anteilnahme von Kurt Tucholsky.

Tim Fischer – der Entertainer stand vor zwei Jahren für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ vor der Kamera – feiert sein 30-jähriges Bühnenjubiläum mit dem Doppelalbum „Zeitlos“.

Er singt im Goldbrokatfrack mit alten, aber musikalisch neu eingekleideten Chansons wie Hildegard Knefs Wiegenlied „Doch hör’ nicht auf mich“, Fischers Hit „Rinnsteinprinzessin“, einer Miniatur nach Mascha Kalekos berührendem Gedicht „Memento“ und Friedrich Hollaenders „Stroganoff“.

Zur Reise in die unterschiedlichsten Gefühlswelten mit vierköpfiger Band (Leitung: Oliver Potratz) gehören auch neue poppige Songs wie der „Milchgreis“ mit dem Milchreis, „Maulende Rentner“ – von Pigor & Eichhorn – alles mit großer Empathie. Das ganze Spektrum von Romantik und Tragikomik bis Melancholie und  Rap-Rambazamba. Mit „Ich bin die Transe Hans von Hansetrans“ fordert Fischer Respekt für Minderheiten; bringt Anzügliches mit Helen Vitas Nummer „Brief einer höheren Tochter (aus den Ferien an die Mutter)“ und Sehnsüchtiges („Ich liebe dir hinterher“).

Nicht ganz frei von Kitsch. Aber die Show ist keine sentimentale Rückschau, sondern verbindet weltläufige Eleganz, augenzwinkernde Pointen und schmerzvolle Elegie. (Von Werner Rosenberger)

KURIER-Wertung: ****

Martin Puntigam im Kabarett Niedermair: Gags aus der Schmuddelecke

Weil er ein Glückspilz ist, heißt sein neues Solo „Glückskatze“ und breitet gegen alle Logik lebensbilanztechnisch sein Unglück aus.
Denn: „Das Glück ist eine Tochter der Zeit“, sagt Martin Puntigam – „Mein Gott ist die Extrawurst.“ – und vollführt zu seinem 30-jährigen Bühnenjubiläum einmal mehr einen Tanz auf dem Peinlichkeitsparkett.

„Lungenhering“ (der schleimige Bronchial-Auswurf, im Volksmund, auch  „Auster des kleinen Mannes“ genannt), Doppelsteckerdildo, Fäkalhumor, Sex mit Tatortreinigung und sonst allerlei Schmuddeliges inklusive.

Allzu Seichtes und Halblustiges erinnert an Martin Scorseses Film „King of Comedy“, in dem Robert De Niro als Möchtegern-Komiker schlechte Witze erzählt. Nur ist Puntigam – vor der Pause im blitzblauen Anzug,  dann ganz in Pink – nicht De Niro, und seine Figur entfaltet bloß den grindigen Charme eines Krenreibe-Marktschreiers.

Warum animiert er vor der Pause ständig zum Applaudieren? Auf die Frage würde er mit der Gegenfrage antworten: Warum nicht?

Wenig überzeugend ist die große Grätsche vom „Ausgreifen und Eierquetschen“ als Bubenspaß, Erinnerungen an eine Zeit, „als Amoklauf noch nicht Mainstream war“, das selbstmitleidige Lamento über die gescheiterte Ehe nach einem Seitensprung mit der Putzfrau bis zum globalen Klimawandel: „Wir brauchen eine mittlere Katastrophe.“

Es wird so viel geredet, aber so wenig gesagt. Außer: „Wenn man nichts zu sagen hat, wird die Zugabe auch nicht besser.“ Aber die blieb ohnedies aus. (Von Werner Rosenberger)

KURIER-Wertung: **

Staatsoper: Georg Nigl als Trojahns „Orest“

Manfred TrojahnsOrest“  (Reprise: 20. November) wird die Auslastungszahlen der Wiener Staatsoper wohl nicht erhöhen. Das stärkste Argument, dass „Orest“ trotzdem wieder auf dem Spielplan steht, liefert Titeldarsteller Georg Nigl. Er verkörpert diesen Auftragskiller der Antike idealtypisch. Mit seinem markigen Bariton intoniert er die Partie wortdeutlich und mit einem Höchstmaß an Transparenz. Nigl ist ein grandioser Singschauspieler. Aufwühlend wandelt er zwischen Wahn und Selbsterkenntnis. Großartig!

Ausdrucksstark im Gesang zeigt Audrey Luna eine suggestive Hermione, die einem Roman von Stephen King entstiegen sein könnte. Laura Aikin ist eine intensive Helena, die trotz Goldglitter und Superblondinen-Perücke das Wesen dieser Figur spüren lässt.

Eine Bereicherung ist Tenor Michael Laurenz. Das lässt sich von Daniel Johanssons Apollo/Dionysos nicht behaupten. Ruxandra Donose ist eine Elektra ohne Durchschlagskraft.

Dirigent Michael Boder lässt am Pult des Staatsopernorchesters die Härten der  Partitur hören. Akkurat arbeitet er die   Motive heraus. Spannung, Intensität, da fehlt nichts. (Von Susanne Zobl)

KURIER-Wertung: *** 1/2

Stadttheater Klagenfurt: Gute Sänger für "Boccanegra"

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welch hochwertigen Sängern auch kleinere Bühnen aufwarten können. So ein Erlebnis ermöglicht derzeit das Stadttheater Klagenfurt, wo man Giuseppe VerdisSimon Boccanegra“  am Spielplan hat: Allen voran verfügt Robert Watson als Gabriele Adorno über einen ausgesprochen schönen, schmelzigen Tenor.

Ihm in nichts nachstehend hört man Selene Zanetti als seine Geliebte Amelia mit wunderbarer Innigkeit und reinsten Tönen. Vittorio Vitelli vermag als Titelheld mit weichem Timbre zu berühren, was ihm szenisch leider versagt bleibt. Sein feindseliger Widerpart ist mit Luciano Batinic als edler Fiesco gut besetzt. Mit imposanter Kraft kann Csaba Szegedi als finsterer Paolo auftrumpfen. Kraftvoll singt auch der Chor.

Nicholas Carter am Pult des Kärntner Sinfonieorchesters überzeugt nur bei den dramatischen Szenen. Ansonsten hätte man sich weniger Reduktion, sondern mehr gefühlvollen Ausdruck gewünscht. An Emotionen mangelt es auch im Szenischen: Man kann  sich des Gefühls nicht erwehren, dass Regisseur Philipp Himmelmann geradezu bemüht ist, diese nicht aufkommen zu lassen und jeglichen Körperkontakt zu vermeiden. So lassen Schlüsselszenen  kalt. Lediglich das Anfangs-, das auch  Schlussbild wird, hat eine gewisse Drastik.

Zudem lässt der Regisseur die krause Geschichte mit vielen Ungereimtheiten um Betrug, Machtgier und zu spät erkannten Familienbanden nahe am Heute in einem düsteren, schäbigen, einengenden Einheitsraum (Bühne: Etienne Pluss) in heutigen, wenig geschmackvollen Kostümen spielen, um offenbar das Zeitlose der Geschichte vor Augen zu führen und ein Sittenbild unseres Politikzeitalters zu zeigen. (Von Helmut Christian Mayer)

KURIER-Wertung: *** 1/2

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