Von der Unmöglichkeit, auf der richtigen Seite zu stehen

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„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan folgt einer tamilischen Frau durch die Wirren des Bürgerkriegs in Sri Lanka.

 „Erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen“: Wie ist dieser medizinische Grundsatz durchzuziehen, wenn man in einem Feldlazarett der LTTE arbeitet – jener Rebellengruppe, die im Bürgerkrieg auf Sri Lanka für zahlreiche Terroranschläge gegen die singhalesische Mehrheitsbevölkerung verantwortlich war, aber auch gegenüber der eigenen Volksgruppe der Tamilen brutale Gewalt ausübte?

Die Autorin V. V. Ganeshananthan, US-Amerikanerin mit sri-lankischen Wurzeln, lässt die Protagonistin ihres Romans „Der brennende Garten“ Kriegswirren in einem solchen Lazarett durchleben – der Wunsch der Medizinstudentin zu helfen ist dabei von puristischen Motiven genährt, aber auch vom Vorbild ihres älteren Bruders und eines Freundes, der im Roman nur K heißt, aber ein sehr reales Vorbild hat.

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Überhaupt hat Ganeshananthan (Transparenzhinweis: Die Autorin ist eine Ex-Studienkollegin des Rezensenten) den Stoff ihres Romans minutiös recherchiert: Sie baut auf Gesprächen mit Zeitzeugen und auf Berichten von Augenzeugen auf, die während des Bürgerkriegs, der von 1983 bis 2009 währte, oft unter Lebensgefahr aufgeschrieben wurden – denn die „Befreiungstiger“ verfolgten auch Abtrünnige in den eigenen Reihen erbarmungslos.

Bei aller Präzision holt Ganeshananthan ihre Leserinnen und Leser ganz nah an das Leben der Protagonisten heran: Um die Hauptfigur Sashi, ihre Brüder und Eltern entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht, das mit dem Fortschreiten der Erzählung immer stärker von Verlust und Trauma gezeichnet ist.

Wunden, die nicht heilen

Wie geht eine Familie damit um, wenn zwei ihrer Söhne sich Extremisten anschließen? Welche Allianzen wiegen stärker – jene der Verwandtschaft, jene der Ideologie, oder jene, die sich zwischen Menschen ausbilden, die inmitten der Entfremdung des Krieges Ideale der Humanität hochzuhalten versuchen? Ist „heilen“ hier überhaupt noch möglich?

Auch wenn Ganeshananthan ganz explizit die Zeitgeschichte Sri Lankas im Fokus hat, wirkt ihre im Original 2022 erschienene Erzählung angesichts anderer kriegerischer Auseinandersetzungen hochgradig aktuell: „Der brennende Garten“ fächert komplexe Loyalitäts- und Wertekonflikte auf und macht die Verwüstungen, die Krieg im Zwischenmenschlichen verursacht, spürbar.

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