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Literatur
05/13/2019

Von der Begierde, Kafka zu besitzen

Das Buch von Benjamin Balint erzählt vom Schatz im Koffer und der Vereinnahmung des Prager Schriftstellers.

von Peter Pisa

Vor dem Gesetz stand diesmal kein Türhüter wie in Franz Kafkas berühmter Parabel, aber eine digitale Tafel war vor dem Verhandlungssaal, darauf stand: „Anonym gegen Anonym“.
Man hätte auch anzeigen können: Israel gegen Deutschland.
Oder, um den Kiebitzen im Obersten Gerichtshof in Jerusalem an diesem 27. Juni 2016 gleich die Kernfrage zu liefern:
Wem gehört Kafka?
(Gehört Kunst überhaupt jemandem?)


Enterbt

Der Erbschaftsstreit hatte 1973 vor Gericht begonnen. Das Kuddelmuddel an Informationen war groß.
Der israelisch-amerikanische Kulturjournalist Benjamin Balint räumt jetzt auf, dass es eine spannende Freude ist, ihm bei der Arbeit zuzusehen.
Und er kennt jene Stellen in Kafkas Werk, die gut zur Auseinandersetzung passen – z.B.: „Einen solchen Prozess haben, heißt ihn schon verloren zu haben.“
Die israelische Nationalbibliothek hat gewonnen.
Eva Hoffe – die Verliererin, die Enterbte – starb eineinhalb Jahre nach Prozessende, 84 war sie. In ihrer Wohnung in Tel Aviv waren viele Katzen und noch mehr Kakerlaken und 35 Kisten mit Papieren zurückgeblieben, die in die Bibliothek gebracht wurden. Schließfächer in Israel und Zürich wurden ausgeräumt.

Kafka - das Foto oben zeigt ihn in Prag ums Jahr 1920 - starb 1924. Sein  Freund Max Brod erfüllte  seinen Wunsch,  die Manuskripte zu verbrennen, nicht. Als Brod, damals berühmter als Kafka, mit dem letzten Zug 1939 aus Prag flüchten konnte, gelangten sie im  Koffer nach Palästina,
Brod schenkte vieles seiner Gefährtin und Sekretärin Ester Hoffe, und den Rest – auch die eigenen Tagebücher –  vermachte er ihr; und von Ester erbte Tochter Eva Hoffe ... die sich im Alter keine falschen Zähne leisten konnte. Dabei hatte die Familie die geschenkte Originalhandschrift von „Der Prozess“ bei Sotheby’s versteigern lassen: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach kaufte um eine Million Pfund; und hätte alles, alles aus dem Koffer kaufen wollen.
Das israelische Höchstgericht aber stempelte Kafka zum „jüdischen Schriftsteller“. Jude war er zwar, eine Festlegung seiner Literatur hätte er garantiert nicht gutgeheißen.

Berauscht

Journalist Benjamin Balint schlägt sich auf keine Seite – vor allem deshalb nicht, weil mit dem Urteil immerhin gewährleistet ist, dass der Schatz nicht  versteckt bleibt, sondern von der Bibliothek – digital – der Allgemeinheit zur Verfügung stehen wird.
Es ging wohl immer ums Besitzen. Ums Habenwollen. Um das Verlangen, den Inbegriff der modernen Literatur nahe bei sich zu haben.
Franz Kafka hat  – gegenüber Max Brod – schon vor 100 Jahren seine Meinung zu derartigen Gelüsten geäußert:
Man möge sich mehr berauschen an dem, was man NICHT besitzt.

 

Benjamin Balint: „Kafkas letzter Prozess“
Übersetzt von
Anne Emmert.
Berenberg
Verlag.
336 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern