Kultur
01.12.2018

Vom Werden und Vergehen: Der Maler Per Kirkeby in Krems

Neue Ausstellungen in der Kunsthalle Krems zeigen Werke des Dänen Per Kirkeby und der Französin Perrine Lacroix

„Das wird wieder modern“, pflegte die Mutter zu sagen, wenn einmal alte Gewänder – Schlaghosen, Joggingjacken – wieder aus dem Schrank zum Vorschein kamen.

Die Kunstgeschichte kennt viele solcher Schränke, doch vieles darin, man muss es eingestehen, wird nie wieder modern. Auch in der Kunsthalle Krems, wo derzeit das Werk des im vergangenen Mai verstorbenen Malers Per Kirkeby (1938–2018) ausgebreitet wird, meint man zunächst, auf ein überholtes Kunstverständnis zu blicken: Die ungestüme, expressive Malerei, die in den 1980er-Jahren ein außergewöhnliches Revival erlebte und Kirkeby zu Ruhm und Ehre verhalf – wird sie wirklich je wieder modern?

Ablagerungen als Bild

Im Vergleich zu Generationsgenossen wie Georg Baselitz oder Anselm Kiefer, die bis heute Höchstpreise am Markt erzielen und – im Fall des Zweiteren – regelrechte Kunstfabriken zur Bedarfsdeckung der Sammler betreiben, strahlt Kirkebys Stern weniger hell. Das mag daran liegen, dass der Künstler seine Bilder notorisch langsam und in weniger spektakulären Formaten produzierte.

Kunsthallen-Chef Florian Steininger, der die Kremser Schau kuratierte, spricht von „Sedimentation“: Immer neue Farbschichten trug der studierte Geologe Kirkeby auf, er verwarf, löschte, malte neu. „Die Geologie ist die Lehre von den Kräften hinter den Formen, sowohl den auf- als auch den abbauenden“, sagte er und meinte die Gesteinskunde ebenso wie seine Kunst.

Spinat auf Instagram

Eine Konsequenz dieser Arbeitsweise ist, dass Reproduktionen von Kirkebys Gemälden nicht die Wahrheit erzählen: Was im Foto eher nach Spinat aussieht, offenbart im direkten Gegenüber eine Vielzahl an Schichten, Spuren und Strukturen, die das Betrachten zu einer abenteuerlichen Erfahrung machen. In einer Zeit, in der sich die „Modernität“ und Marktfähigkeit von Kunstwerken nicht selten an deren Instagram-Tauglichkeit bemisst, ist diese Qualität freilich nicht von Vorteil.

Steininger, der seine Kunsthalle strategisch als Außenposten der abstrakten Malerei positioniert hat, öffnet die Schau nach einem Auftaktsaal mit dunkel-düsteren Bildern aber noch zu einer größeren Bandbreite. Insbesondere die auf quadratische Faserplatten gemalten Bilder sind dabei ein Herzstück: Auf die Platten malte Kirkeby seine ganze Laufbahn hindurch, oft nutzte er sie mit schwarzer Grundierung und Kreide wie Schultafeln, zuletzt produzierte er schablonenhafte Abdrücke von Blättern oder Puzzlesteinen. Anhand der Bilder entspinnt sich ein Vokabular, das wiederum an grobe Bronzeskulpturen und übermalte Kitschbilder andockt.

Dass es Kirkeby weniger um Expression als um eine Auseinandersetzung mit dem natürlichen Fluss der Dinge ging, lässt sich erkennen, es wird aber in der meditativ-ruhigen Schau nicht ausbuchstabiert: Hier hilft der Text von Robert Fleck im Katalog, der Kirkeby mit der Fluxus-Bewegung und der Malerei Jackson Pollocks, die der Happening-Papst Allan Kaprow seinerseits einst vielsagend als „environmental painting“ bezeichnete, in Bezug setzt. Kirkeby scheint damit den heute angesagten prozesshaften Kunstformen doch näher als angenommen.

Nach den Bildern

In der Perspektive des Werdens und Vergehens schließt auch die Schau von Perrine Lacroix in den hinteren Räumen der Kunsthalle durchaus stimmig an Kirkeby an, wenngleich sie ungleich kühler und konzeptueller anmutet. Die Französin, die als „Artist In Residence“ in Krems weilte, machte die Zeit zwischen den Ausstellungen zum Thema: So konservierte sie etwa die genau auf bestimmte Gemälde abgestimmten Lichtkegel der Deckenlampen, als die Werke der vergangenen Ausstellung schon abgehängt waren, und reproduziert die Situation nun als Lichtinstallation.

Die anfangs grob verputzten Gipskarton-Wände und Raumsituationen, die für jede Ausstellung wieder neu hergestellt werden, erfasste Lacroix in der Kunsthalle in Fotos und Videos, die dann wiederum auf Gipswände gedruckt oder wie räumliche Illusionen projiziert wurden: Nicht nur das Malen, auch das Ausstellen offenbart sich hier als ein ständiger Prozess des Auf- und Abbaus. Es ist ein Programm, dessen Reiz langsam, aber nachhaltig einsickert. Fast wie in der Natur.