Kultur 05.12.2011

Vom Schlager zur Oper: Renate Holm wird 80

© Bild: Wilhelm Schraml

Im Geburtstags-Interview spricht die Opernsängerin Renate Holm über zwei Mal 40 Jahre, ihre Farm der Tiere und ein Arrangement mit dem Alter.

Eine Mühle aus dem 17. Jahrhundert mit Eseln, Hendeln, Katzen, Hasen und einem Hahn. "Die Schwalben sind gerade ausgeflogen", erklärt Kammersängerin Renate Holm mittendrin. Es ist ein Bild wie aus den "Bremer Stadtmusikanten". "Mucki! Struppi! Kommt her, meine Süßen!" Das ist kein Rufen, das ist ein Singen. Und schon holen sich zwei Esel ihre Streicheleinheiten ab.

Beim Rundgang durch den Weinviertler Hof ahnt man das pralle Leben der Koloratur-Sopranistin und "Jahrhundert-Adele". An den Wänden hängen Fotos mit allen Großen der Oper, Urkunden, Konzert- und Filmplakate (siehe Foto weiter unten). Bei den alten Mühlrädern steht ein Flügel. "Da gebe ich regelmäßig Konzerte mit meinem Ensemble, Workshops und Meisterklassen", verkündet die gebürtige Berlinerin vergnügt. Am 10. August wird Renate Holm 80. Der ORF sendet eine Doku, am Rathausplatz wird ihr zu Ehren die "Fledermaus" gespielt.

KURIER: Frau Holm, ist 80 eine schiache Zahl?
Renate Holm: Zweimal Vierzig klingt schöner. So wie das halb volle und das halb leere Glas. Als ich unlängst zu meiner Tai-Chi-Lehrerin gesagt habe, dass es manchmal totenstill hier ist, hat sie das sofort umformuliert in 'eine wunderbare, friedliche Stille'.

Sind Sie einsam hier?
Ich bin manchmal sehr allein, seit mein Hund Bonny gestorben ist. Er ist am Glöckchenweg begraben, wo auch meine anderen Hunde, Glöckchen und Snuffy liegen. Auch Bimbo, mein Kater, liegt dort. Meine Ziege ist auch für immer eingeschlafen. Wenn kein Wind ist, dann ist die Stille, die vor 35 Jahren für mich lebensnotwendig war, manchmal unerträglich. Ich werde sicher wieder einen Hund haben. Auch mein Lebensgefährte ist vor sechs Jahren gestorben. Und erst vor kurzem meine besten Freundinnen aus Berlin und dem Spreewald. Ich werde ununterbrochen mit dem Tod konfrontiert.

Was macht das mit Ihnen?
Es macht mich traurig. Sehr, sehr traurig. Und ich habe jetzt auch mein Testament gemacht. Aber dank meiner Arbeit denke ich nicht so viel übers Sterben nach.

Aber über das Leben danach?
Schon. Denn an das absolute Ende glaube ich nicht. Meine Wirtschafterin hier in der Mühle, - ich habe sie unendlich geliebt - sie ist als Schmetterling da. Fünfundzwanzig Jahre war sie an meiner Seite. Drei Jahre nach ihrem Tod kam dieser wunderschöne Schmetterling, ein Pfauenauge. Und ich habe gewusst: Das ist die Pinschi. Ich glaube: Wir werden alle Schmetterlinge. Erst unlängst ist mir ein Zitronenfalter aufgefallen, vielleicht ist das ja mein verstorbener Verwalter, der 40 Jahre lang die Mühle betreut hat.

" Ich bin keine Frau, die nur klares Wasser und Nivea braucht, um schön zu sein."

Kammersängerin Renate Holm im Innenhof der 350 Jahre alten Mühle im Weinviertel
© Bild: Wilhelm Schraml

Früher war man mit 80 ja uralt. Wie alt fühlen Sie sich, Frau Holm?
Ich glaube, ich habe mich seit Mitte 50 nicht mehr verändert. Ich sage immer: I'm 59 and holding on". Aber es hat natürlich seinen Preis. Ich bin sehr fleißig.

Wobei?
Bei meiner Arbeit, denn ich bin ja nie in Pension gegangen, obwohl die Wiener Staatsoper mich zwangspensioniert hat. Das war ein schmerzhafter Einschnitt in meinem Leben, denn die Oper war meine Familie, meine Kollegen waren meine Geschwister, wir waren manchmal alle Kinder und seelenverwandt. Ich arbeite eigentlich wie früher, nur schlafe ich morgens etwas länger. Um 9 mache ich Telegym, dabei muss ich mich sehr anstrengen, denn die Vorturnerinnen sind alle jung - so zwischen 18 und 21.

Ist das nicht frustrierend?
Nein, das finde ich wunderbar. Ihre Fröhlichkeit animiert mich, ihr Anblick ist entzückend, ich lasse nur dazwischen immer ein paar Takte aus, das heißt, mein Tempo ist denn doch etwas langsamer.

Kommt Ihnen Ihre Karriere rückblickend unglaublich vor?
Ja. Ich denke manchmal, das bin ich nicht! Selbst das kleine Mädchen, das beschlossen hat, Sängerin zu werden, kommt mir manchmal unheimlich vor. Oder die Studentin, die mit diesem schweren Bauchladen 150 Stufen rauf und runtergelaufen ist, um auf der Berliner Waldbühne Schokolade, Zigaretten und saure Bonbons zu verkaufen, weil ich nach 10 Stunden 5 Mark verdient habe. Soviel kostete eine Gesangsstunde.

Pipi in Callas' Dekolleté

Sie haben es als einzige Schlagersängerin geschafft, ein Opernstar zu werden. War das schwer?
Es war schwerer, als Berlinerin in der Adele halbwegs wienerisch zu sein. Das Wienerische ist ja so verbindlich und charmant, aber wir Berliner sind ein bisschen rustikaler, preussischer. Trotzdem wurde die Nachtigall aus Berlin zum Lercherl aus Wien.

Karajan, Böhm, Pavarotti, Domingo, Carreras, Freni, Ghiauroff: Sie haben mit allen gearbeitet.Woran erinnern Sie sich?
Komischerweise an kleine Anekdoten. Entzückend war Maria Callas, die bei mir auf Besuch war und mit meinem Meerschweinchen spielte. Sie hatte es in ihren Ausschnitt gebettet und stieß plötzlich einen Schrei aus. Das Meerschweinchen hat der Callas tatsächlich ins Dekolleté gepinkelt! Ich habe dann mit einem Waschlappen das Pipi weggemacht.

Kammersängerin Renate Holm im Innenhof der 350 Jahre alten Mühle im Weinviertel
© Bild: Wilhelm Schraml

Was ist Herbert von Karajan mit Ihnen passiert?
Er hatte einen Esel und seine Eliette konnte damit nicht recht umgehen. So gab ich ihnen immer Tipps.

Singen Sie noch immer?
Ich gebe Konzerte, ich unterrichte und arbeite nach wie vor an meiner Stimme. Meine Stimme war immer jünger, weil ich nie über mein Fach gesungen habe. Ich habe immer auf sie aufgepasst, war nie ohne Lehrer.

Was war Ihre Lieblingsrolle?
Das ist die Rolle, bei der ich am wenigsten Lampenfieber hatte! Die hundertzehn Jahre alte Papagena in der Inszenierung von Otto Schenk. Da haben sie mich mit Falten wie Pergament auf 20 Jahre älter geschminkt und das war befreiend, nicht gut aussehen zu müssen. Im Leben möchte ich natürlich nicht so aussehen, darum gönne ich mir viele gute Cremes. Ich bin keine Frau, die nur klares Wasser und Nivea braucht, um schön zu sein. Leider.

Tut es Ihnen heute eigentlich Leid, keine Kinder zu haben?
Sehr. Sehr. Aber man soll sich nicht als Opfertier hinstellen. Ich habe alle Opfer für meinen Beruf freiwillig gebracht.

Was fehlt Ihnen heute zum Glück?
Vielleicht ein Lebensmensch. Ein Tierarzt wäre praktisch. - Lacht.

Dürfte er gleich alt sein?
Warum nicht? Mein Curd war 81 und sehr sexy. Wir verstanden uns in jeder Beziehung wunderbar. Leider erkrankte er später an der schrecklichen Demenz.

Verstehen Sie Gunther Sachs, der sich deswegen das Leben genommen hat?
Ich fand das die einzige Möglichkeit, dem Verfall zu entgehen.

Würden Sie es auch so machen?
Dazu braucht es männlichen Mut. Den habe ich nicht. Ich habe auch keine Waffe im Haus. Also bleibt doch nur das immer Älterwerden. Aber möglichst zeitgemäß und gesund. Und dafür tue ich viel.

Zur Person: Die "Jahrhundert-Adele"

Kammersängerin Renate Holm im Innenhof der 350 Jahre alten Mühle im Weinviertel
© Bild: Wilhelm Schraml

Kindheit
Geboren am 10. August 1931 in Berlin. Ihr Großvater ist der Generalfeldmarschall Karl von Bülow. Als sie elf ist, schenkt ihr ihre Mutter für eine gute Schulnote eine Kinokarte für "Das Leben der Butterfly" mit Maria Cebotari. Nach diesem Film beschließt das Mädchen, Opernsängerin zu werden. Sie macht eine Ausbildung als zahnärztliche Assistentin, um die Gesangsausbildung zu finanzieren.

Karriere
Nach einer Film- und Schlagerkarriere kommt Renate Holm 1957 als Sopranistin an die Wiener Volksoper. Karajan holt sie 1960 an die Staatsoper. Mit ihren Koloraturen brilliert sie von A (Adele) bis Z (Zerbinetta) - vor allem in Mozart-Opern. Renate Holm lebt in Wien und in einer 350 Jahre alten Mühle im Weinviertel.

Erstellt am 05.12.2011