Viennale 2011: Die Film-Highlights

Österreichische Filme und internationale Blockbuster stehen im Fokus der diesjährigen Viennale. Ein Überblick über die Spielfilme, Dokus und Kurzfilme.

Seit einigen Jahren sind österreichsichen Filme beim größten internationalen Festival des Landes regelmäßig vertreten. Auch in diesem Jahr legt die Viennale (ab 20. Oktober) wieder ein Augenmerk auf die heimische Produktion: Neben dem einzigen Spielfilm, dem Debüt "Stillleben" von Sebastian Meise, wurden elf Dokumentarfilme mit österreichischer Beteiligung ausgewählt. Dazu kommen 15 Kurzfilme, ein Special Program zu Ehren von Sasha Pirker und eine spezielle Veranstaltung mit Ulrich Seidl.

Bild: Anja Plaschg (Soap & Skin) in "Stillleben" Der Bogen von Meise zu Seidl passt gar nicht schlecht, beschäftigen sich doch beide mit den Sehnsüchten von normalen Menschen, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der junge Regisseur Meise lässt in "Stillleben" einen Sohn die pädophilen Neigungen seines Vaters entdecken. Der Film wurde in San Sebastian mit einer lobenden Erwähnung bedacht. 

Seidls Filme präsentieren sich als Sittengemälde, jedoch ohne moralisch zu urteilen. Bei der Viennale stellt der Regisseur Ausschnitte aus seinem ausufernden Work-in-Progress "Paradies" über die Urlaubsgeschichten dreier Frauen vor.

Bild: "Stillleben" Johannes Hammel - der sowohl bei Lotte Schreibers "Tlatelolco" als auch bei Joerg Burgers "Way of Passion" für die Kamera sowie bei Michael Palms "Low Definition Control" für die Produktion verantwortlich zeichnete - wird seinen experimentellen Kurzfilm "Jour Sombre" vorstellen.

Bild: "Way of Passion" Lotte Schreiber erzählt in "Tlatelolco" von jenem Stadtteil von Mexiko City, der nicht zuletzt 1968 durch ein Massaker von Polizei und Armee an versammelten Studenten zu unrühmlicher Bekanntheit gelangt war. 

Joerg Burgers "Way of Passion" verfolgt ohne jeglichen Off-Kommentar die erschöpfenden Tätigkeiten und die gleichzeitige Opferbereitschaft rund um die Karfreitagsprozession auf Sizilien. 

Bild: "Tlatelolco" Und Michael Palm beschäftigt sich in "Low Definition Control" mit Überwachungs- und Kontrollszenarien.

Bild: "Low Definition Control" Politisch sind  "Stoff der Heimat", in dem Othmar Schmiderer sich anhand von Trachtengewändern mit Tradition, Kultur und Geschichte auseinandersetzt, und ... 

Bild: "Stoff der Heimat" ... "American Passages", in dem sich Ruth Beckermann, inspiriert vom Fotografen Robert Frank, an funktionale Orte des heutigen Amerikas begibt. 

Gerald Igor Hauzenberger beschäftigt sich in "Der Prozess" mit dem aufsehenerregenden Tierschützerprozess in Österreich, und die Amerikaner Gretchen und John Morning mit dem Verschwinden ihres Sohnes in Wien, der angeblich spontanen Selbstmord begangen haben soll.

Bild: "American Passages" Hinzu kommen klassische Porträtdokus wie "Das Weiterleben der Ruth Klüger" von Renata Schmidtkunz oder "Der letzte Jude von Drohobytsch" von Paul Rosdy, ein Blick hinter die Kulissen der Freizeitindustrie in "Ibiza Occident" von Günter Schwaiger sowie das Debüt "Boxeo Constitucion" von Jakob Weingartner. 

Bei den Kurzfilmen begegnen einem von Siegfried A. Fruhauf über Johann Lurf oder Friedl vom Gröller die mittlerweile bekannten Namen der österreichischen Avantgarde. Ein Special Program ist dieses Jahr der experimentellen Dokumentarfilmerin Sasha Pirker gewidmet, und mit Martin Arnold steht ein wichtiger Referenzpunkt der internationalen Szene gleich mit seinen vier jüngsten Arbeiten im Blickpunkt.

Bild: "Schwere Augen" Neben den Fokus auf österreichische Produktionen, kann die Viennale auch mit einigen Blockbustern und großen Namen des internationalen Arthaus-Kinos in diesem Jahr aufwarten. In Folge ein Überblick über jene Produktionen, für die beim Vorverkaufsstart für Wiens internationales Filmfestival die Karten wohl am schnellsten vergriffen sein werden:

Bild: "L' Apollonide (Souvenirs de la maison close)" "Le Havre": Politisch hochaktuell und zugleich in einem märchenhaften visuellen Gewand gestaltet sich Aki Kaurismäkis berührendes und verschrobenes Migrationsdrama. In der für den finnischen Regisseur typischen Parabelhaftigkeit wird die Geschichte des Schuhputzers Marcel Marx (Andre Wilms) erzählt, der trotz eigenen bescheidenen Lebens den aus Gabun geflüchteten Burschen Idrissa bei sich aufnimmt und ihm bei seiner weiteren Flucht helfen möchte. Die Hilfsbereitschaft der Bewohner der titelgebenden französischen Hafenstadt wird zum Hoffnungsschimmer in einer westlichen Welt, die Zeltlager von Illegalen normalerweise schnellstmöglich räumen lässt. Lakonische Dialoge und politische Andeutungen forcieren ein Drama, das auch zahlreiche komische Momente enthält. "Habemus Papam": Der Italiener Nanni Moretti gilt nicht erst seit seinen essayistischen Filmen aus den 90er Jahren als großes Aushängeschild des italienischen Kunstkinos. In seiner jüngsten melancholischen Komödie, die in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes zu sehen war, spielt Michel Piccoli den neuen katholischen Papst, der nach seiner Wahl das Amt nicht übernehmen will und Panikattacken erleidet. Noch vor seiner offiziellen Präsentation am Balkon zieht er sich zurück, um herauszufinden, ob und wie er der Aufgabe gewachsen sein könnte. Moretti selbst, der bei der Präsentation in Wien vor Ort sein wird, ist in der Rolle eines Psychoanalytikers zu sehen, der sich die Wartezeit im Vatikan beim Volleyballspiel mit den Kardinälen vertreibt. "A Dangerous Method": David Cronenbergs historisches Psycho-Drama wurde teilweise in Wien gedreht, nicht zuletzt in der Berggasse 19, der ehemaligen Heimstatt von Sigmund Freud. Der Begründer der Psychoanalyse wird von Viggo Mortensen verkörpert, sein Schweizer Counterpart C.G. Jung von Michael Fassbender. Als letzterer eine Affäre mit seiner Patientin Sabina Spielrein, gespielt von Keira Knightley, beginnt, entstehen Risse in der intensiven Beziehung der beiden Mediziner. 

Cronenberg, der seinen Film persönlich in Wien vorstellen wird, setzt bei dem dialoglastigen Werk auf die innere Zerrissenheit seiner Darsteller und erhielt in Venedig - trotz zwiegespaltenen Meinungen in Bezug auf Knightleys Leistung - viel Beifall. "Melancholia": Möglicherweise wäre in Cannes mehr möglich gewesen als die Auszeichnung für Kirsten Dunst als beste Schauspielerin, hätte sich Lars von Trier bei der Pressekonferenz nicht in abstrusen Witzen über Hitler und die Nazis verloren. Sein bildgewaltiges apokalyptisches Drama, in dem der Planet "Melancholia" Kurs auf die Erde genommen hat, hätte sich jedenfalls definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. 

Von Trier teilte das grandiose Werk mit Stars wie Charlotte Gainsbourg, John Hurt, Kiefer Sutherland, Stellan Skarsgard, Udo Kier und Charlotte Rampling in zwei Hälften, eine Hochzeit und schließlich die Angst vor dem Ende der Welt. Dunst spielt die Braut Justine, die im Verlauf immer stärker mit ihren Depressionen zu kämpfen hat. "The Future": Eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der Zukunft angesichts zu vieler Optionen im Leben porträtiert Miranda July in ihrem poetischen Zweitlingsfilm. "Während des Tages kann man leicht an sein Leben und sein Tun glauben", erläuterte July bei der diesjährigen Berlinale, "aber in der Nacht ist das um einiges schwieriger, da erwacht die Wildheit." 

Diese Wildheit wird von einer an der Pfote verletzten Katze verkörpert, die aus dem Tierheim heraus als Erzähler und strukturierendes Element fungiert. Währenddessen versuchen die Protagonisten Sophie und Jason (July und Hamish Linklater), ihr gemeinsames Leben neu zu ordnen - Trennung und Affäre inklusive. July beeindruckt nicht zuletzt wieder mit ihrem ungewöhnlichen Zugang zum Alltag. "Drive": Zwischen Popcorn- und Arthouse-Kino, rasanten Verfolgungsjagden und stillen Momenten, blutigen Schlachterszenen und feiner Romantik bewegt sich das auf kein Genre festzulegende Werk des dänischen Wunderkinds Nicolas Winding Refn. 

In Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet, inszeniert Refn in "Drive" Hollywood-Durchstarter Ryan Gosling als schweigsamen Stuntfahrer, der bei Nacht auf den Straßen von Los Angeles Einbrechern zur Flucht verhilft. Als er sich in seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) verliebt, bringt das neben seiner zarten Seite auch eine eiskalte Brutalität zum Vorschein. Ein mit an die 80er Jahre erinnerndem Elektro-Soundtrack, stilistisch beeindruckenden L.A.-Aufnahmen und kreativem Ensemble lange nachwirkendes Kinoerlebnis. "The Ides of March": In einer gänzlich anderen, aber nicht weniger bedeutenden Rolle ist Ryan Gosling in George Clooneys neuester Regiearbeit und zugleich dem Abschlussfilm des Festivals zu sehen. Umringt von einem nicht minder illustren Ensemble von Philip Seymour Hoffmann bis Paul Giamatti, Marisa Tomei und Clooney selbst findet sich Gosling in dem intelligenten Politdrama als Neuling im Präsidentschaftswahlkampf eines demokratischen Gouverneurs wieder.

Doch angelehnt an den Untergang von Julius Cäsar sind die titelgebenden "Iden des März" auch hier ein Synonym für bevorstehendes Unheil - und schon bald gerät er zwischen die Fronten und sieht seine Ideale und Prinzipien inmitten politischer Machtspiele und Intrigen gefährdet. "The Kid With a Bike": Das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne hat in Cannes einmal mehr die Herzen der Zuschauer mit einem naturalistisch angehauchten Drama erweicht.

 Ein elfjähriger Bub wird in dem Film von seinem überforderten Vater ins Kinderheim gesteckt und findet mehr durch Zufall in der Friseurin Samantha (Cecile de France) eine Ersatzmutter - bis er sich mit einem Kleinkriminellen anfreundet und die schöne neue Familienwelt ernsthaft auf die Probe gestellt wird. Wie ängstlich, schüchtern, forsch und selbstbewusst der kleine Kerl mit dem Fahrrad spielte, vermochte in dem modern-optimistischen Märchen mit den für die Dardennes typischen sozialkritischen Zügen zu beeindrucken. Ein kleiner, feiner Film der gefeierten Regisseure.

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(apa / moe) Erstellt am
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