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Kultur
07/31/2012

Verblendung - Von Stieg Larsson

Skandinavische Krimis haben das gewisse Etwas: Sie begeistern schon seit Jahren nicht nur die Krimi-Fangemeinde, sondern auch die eher literarischen Leser.

Eines der großen literarischen Ereignisse der letzten Jahre war die Veröffentlichung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson. Ein Krimiautor, aus dem Nichts entstiegen und durch seinen frühen Tod noch vor der Veröffentlichung der drei Bücher "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" tragisch aus seinem Schaffen gerissen. Ein von allen Seiten gefeierter Thriller ging um die Welt – wie zuletzt nur die Bücher Dan Browns.

Skandinavische Krimis haben das gewisse Etwas: Ob Henning Mankell, Arne Dahl und Helene Tursten aus Schweden oder die Norweger Jo Nesbø, Anne Holt und Karin Fossum – sie alle begeistern schon seit Jahren nicht nur die Krimi-Fangemeinde, sondern auch die eher literarischen Leserinnen und Leser (falls es denn da einen Unterschied gibt). Woran das liegt? Vielleicht an der nördlichen Melancholie, an unseren romantisierenden Vorstellungen von Eis, Fjord und Polarlicht. Vielleicht an den tiefschichtigen Charakteren, die uns ans Herz wachsen und lebendig werden wie früher Miss Marple und Kommissar Maigret. Vielleicht aber auch an der moralischen Integrität dieser Geschichten, die das Gefüge unserer Welt abbilden und kritisieren, wie das nur ein guter Kriminalroman leisten kann. All das trifft auch auf Larssons dreibändiges Meisterwerk zu.

Im Roman "Verblendung" – der schwedische Originaltitel heißt "Männer, die Frauen hassen" – beginnt die Geschichte um Mikael Blomkvist (ob seiner Namensgleichheit mit Astrid Lindgrens jugendlichen Helden gern "Kalle" genannt) und Lisbeth Salander. Blomkvist ist Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift "Millennium", nach der die Trilogie benannt ist. Er soll das alte Rätsel um ein seit Jahrzehnten verschwundenes Mädchen lüften. Die Computerspezialistin Lisbeth Salander wird an seiner Seite arbeiten und sich immer mehr zur eigentlichen Hauptfigur des Romans entwickeln: Es ist diese brillante Hackerin mit fotografischem Gedächtnis, die dem Buch Leben einhaucht. Wo Blomkvist politisch ein bisschen zu korrekt ist, sprengt die zierlich-kleine, sozial inkompetente und beinahe autistisch agierende Lisbeth alle Konventionen. Wo Mikael die Frauen (etwas übertrieben) zufliegen, kämpft Salander gegen Missbrauch und traumatische Erlebnisse. Zusammen aber bilden sie ein Team, das ein Millionenpublikum in den Bann zog.

Larsson bedient dabei alle Register: Über 29 Kapitel jagt er seine Leser durch einen Morast aus Macht, Liebe und Hass. Knapp 700 Seiten hält man den Atem an, denn was Larsson bravourös beherrscht, ist das Tempo: Gekonnt konstruierte Cliffhanger, zwischen Mikael und Lisbeth rasch wechselnde Perspektiven, eingefügte Zeichnungen, Notizzettel und E-Mails. Die Mischung aus der Suche nach Tätern, Rache-Aktionen, Wirtschaftskrimi und Gesellschaftsstudie geht auch deshalb perfekt auf, weil die Story sehr gut recherchiert ist. Denn der 1954 in Västerbotten geborene Karl Stig-Erland Larsson wusste, wovon er schrieb. Als engagierter Journalist kämpfte er nicht nur in der von ihm gegründeten Zeitschrift " Expo" gegen Rechtsradikalismus und Korruption. Seine Krimis boten ihm eine neue Plattform, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Geplant hatte er – geschult an den Krimis des Autorenduos Sjöwall/Wahlöö aus den 1960er- und 70er-Jahren – zehn Bände um seinen Journalisten und die toughe Hackerin.

Bevor er den vierten Band vollenden konnte, starb der arbeitswütige Larsson 2004 an einem Herzinfarkt. "Verblendung" und die beiden Folgeromane werden bleiben: Modern in der Form, großartig altmodisch in ihrer Ethik. Und dann auch noch eines: richtig spannend.

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