© Erwin Wurm / Residenz Verlag

Kultur
01/07/2019

... und wieder 15 Bücher, kurz vorgestellt

Erzählungen von Thomas Bernhards mit Aquarellen von Erwin Wurm - Bürgerkrieg, Ententanz, das schwule London: Der KURIER über Neuerscheinungen ...

Erwin Wurm, Verehrer

Vor 30 Jahren im Februar starb Thomas Bernhard. Der Residenz Verlag bringt deshalb morgen, Dienstag, eine Sonderausgabe seiner autobiografischen Schriften in einem Band: „Die Ursache“, „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“. Also Kindheit – Internat – Lehre – Studium – Lungenheilstätte. Aufgemascherlt wurden die fünf Erzählungen mit Aquarellzeichnungen von Erwin Wurm (siehe Bild oben). Wirkt Wurm? Wirkt Wurm bei  Freunden Bernhards? Der Künstler ist vor allem Bildhauer. Zeichnungen von ihm sind überraschend, und noch überraschender ist, dass zurzeit welche in der Albertina ausgestellt werden (bis 10. Februar).  Erwin Wurm verehrt Thomas Bernhard. Na dann.

Thomas Bernhard: "Autobiographische Schrtiften in einem Band" Illustriert von Erwin Wurm. Residenz Verlag. 640 Seiten. 60 Euro

KURIER-Wertung: ***** (wegen Thomas Bernhard)

 

Die Torte aus dem Mumintal

Lesen und Essen harmonieren prächtig (und Trinken), und das Geschriebene ist auch nicht sehr weit entfernt von einer guten Mahlzeit – wie die australische Kochbuchautorin Kate Young beweist: Sie hat in der Literatur Speisen gesucht und nachgekocht. Es gibt – immer mit Rezept, 100 Rezepte sind’s insgesamt: Paddington Bärs Orangenmarmelade, Zimtbrötchen aus Donna Tartts „Distelfink“, gefüllte Melanzani aus Márquez’ „Liebe in Zeiten der Cholera“, die dreistöckige Geburtstagstorte aus Tove Janssons „Willkommen im Mumintal“ ... In der Besprechung in der deutschen Frauenzeitschrift Für Sie  stand: „Ein Buch, das auf der Zunge zergeht.“ Warum übertreiben diese Kritiker immer so schrecklich? Es ist ein reizvolles Buch.

Kate Young:
„Little Library Cookbook“
Übersetzt von Regina Rawlinson und Susanne Kammerer. Wunderraum
Verlag. 320 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Neulich in der Eisenbahn

Könnte man übersehen. Wäre schade. Eine Kostbarkeit des ehemaligen Hanser-Verlagschefs, die gegen Einsamkeit hilft. Wie das Flüchtlingsmädchen, das während der Eisenbahnfahrt vor einem Reisenden auftaucht, der alles hat, aber  sich selbst kaum noch ertragen kann. Das Mädchen bleibt so lange bei ihm, bis er lebt (und nicht das Leben aufschiebt).

Michael Krüger:
„Vorübergehende“
Haymon Verlag.
200 Seiten.
19,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Kein Trost für die Gebissenen

Arme hängen in den Bäumen, ein von Kugeln getroffener Kopf explodiert ... Kann durchaus sein, dass  Krieg  im Universum bloß wie ein Flohbiss erscheint. Aber wer gebissen wurde, hat keinen Trost. Wer nicht gebissen wurde, hat den Daniel Woodrell, der schonungslos vom Amerikanischen Bürgerkrieg und gesetzlosen Rebellen auf beiden Seiten erzählt.

Daniel Woodrell:
„Zum Leben verdammt“
Übersetzt von Peter Torberg.
Liebeskind Verlag.
272 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Ententanz der Leistungsträger

Berühmt wurde Foster Wallace mit seinen 1500 Seiten über die Spaßgesellschaft („Unendlicher Spaß“). Seine Essays  sind um nichts unbedeutender. Ein Meister der Fußnoten. Ein Bändiger der Traurigkeit, ob er über Tennis, Literatur oder eine Kreuzfahrt schreibt: Der Ententanz an Bord von 500 „amerikanischen Leistungsträgern“ ist trotzdem traurig.

David Foster Wallace: „Der Spaß
an der Sache“ Übersetzt von Ulrich Blumenbach und Marcus IngendaayKiepenheuer & Witsch.
1088 Seiten. 37,10 Euro.

KURIER-Wertung: *****

 

Hin und Her mit "queer"

Es gibt viele Aufzeichnungen aus dem London des 16. Jahrhunderts zum Thema, woran man Homosexuelle erkennt: Am kleinen Penis – und den haben Männer, wenn sie kleine Nasenlöcher haben ... Peter Ackroyd ist DER Chronist Londons. Und auch wenn der Schriftsteller  „queer London“ erforscht, von der Antike bis heute,  ist er (siehe oben) sehr genau. Das ist ein Hin und Her aus sexueller Freizügigkeit und Verfolgungswahn  durch die Jahrhunderte. Ackroyd reiht Fakten an Fakten und vergisst nicht, Menschen zu feiern, die lieben woll(t)en. Ein Fest für „gay London“, wobei „gay“  auch „fröhlich“ heißt – man denke an den singenden Cowboy Roy Rogers, der  vom „Gay Ranchero“ sang. Kennt man nur die neuere Bedeutung, wundert man sich etwas.

Peter Ackroyd:
„Queer London
Übersetzt von Sophia Lindsey.
Penguin Verlag.
272 Seiten. 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Versuche in alle Richtungen

Mit dem Roman  „Vom Ende der Einsamkeit“ hat der junge Münchner große Gefühle ausgelöst (und viel Lob geerntet). Die Kurzgeschichten  sind bescheidener. Versuche in alle Richtungen, auch Fantasy und Tischtennis, „Star Wars“ und Bergwanderung. Übungen, wie man mit wenig Wörtern die Leser einfängt. So gesehen: gar nicht uninteressant.

Benedict Wells:
„Die Wahrheit über das Lügen“
Diogenes Verlag.
256 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung:*** und ein halber Stern

 

Welcher Tag langweilig war

Ehrlich ist es, was Lion Feuchtwanger notierte. Es war nicht für die Nachwelt bestimmt. Die Tagebücher waren ein Glücksfund – wobei: Man mag den  Schriftsteller besser kennenlernen (als Erotomane, Spieler) – aber zum Lesen ist das kein Erlebnis: Er hielt fest, wann er onanierte, mit welcher Frau er schlief, welcher Tag fad war. Hätt’ geheim bleiben können.

Lion Feuchtwanger:  „Ein möglichst intensives Leben“ Herausgegeben von Nele Holdack, Marje Schuetze-
Coburn und Michaela Ullmann. Aufbau Verlag. 640 Seiten. 26,80 Euro.

KURIER-Wertung: ***

 

Watzlawick wird "reloaded"

Das ist  Erinnerung an Paul Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren“) UND  Weiterführung seiner Ideen in die Zeit von Twitter und Fake News. Es wurde schwieriger, konstruktiv ins Gespräch zu kommen. Es ist wichtiger, Hochkomplexes einfach auszudrücken. Das geht u. U. sogar bei „molekular Autopoietischem“.

Alois Huber und Roland Fürst
(Herausgeber):
Paul Watzlawick 4.0“
Facultas Verlag.
296 Seiten. 39 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Eine Gemeinde feiert den SS-Mann

Fast ein Sachbuch über eine Salzburger Gemeinde, leicht fiktionalisiert (aber es ist Goldegg), die sich vor ein paar Jahren eine Dorfchronik geschenkt hat: Deserteure im Weltkrieg werden als „Landplage“ hingestellt,  ein hochrangiger SS-Mann  wird gefeiert. So ist ein Zitat von Gerhard Fritsch gemeint: „Kamerad, sagte ein Kamerad, wir bleiben die Alten.“

Hanna Sukare:
„Schwedenreiter“
Otto Müller Verlag.
160 Seiten.
20 Euro.

KURIER-Werung: ****

 

Der Schüler will bewusstlos sein

Kein Thriller mit Serienmord kann so weh tun wie dieses Porträt eines 12-Jährigen bzw. einer kranken Gesellschaft: Der Bub säuft, ist längst Alkoholiker, will das Bewusstsein verlieren, weil er verzweifelt – weil ihn die geschiedenen Eltern, um die er sich kümmert, überfordern. Eine Lehrerin bemerkt es, Théo könnte also eine Zukunft haben. Bestseller aus Paris.

Delphine de Vigan:
„Loyalitäten“
Übersetzt von Doris Heinemann.
DuMont Verlag.
176 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Erstklassige Ergänzung

Von Harper Lees Klassiker aus 1960 über Rassismus werden  angeblich noch immer weltweit jedes Jahr eine Million Exemplare verkauft.  Der Londoner Fred Fordham, der den Roman zeichnerisch umgesetzet hat – respektvoll, nahe am Original und die Charaktere betonend –, will, dass es so bleibt. Sein Comic  soll  Ergänzung sein. Eine erstklassige.

Harper Lee und
Fred Fordham (Illustrator): „Wer die Nachtigall stört“ Übersetzt von Claire Malignon. Verlag rororo rotfuchs. 288 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Suche nach seltenen Fliegen

Kafka hatte das Schloss, Kobo Abe (1993) den Sand: Ein japanischer Klassiker der Moderne. Da geht ein Insektensammler in die Dünen irgendwo am Meer und sucht Fliegen und findet ein Haus mit einer Frau in einem Sandloch und bleibt und gilt daheim als verschollen. So viele Deutungsmöglichkeiten. Symbolisch fließt der Sand.

Kobo Abe:
„Die Frau in den Dünen“
Taschenbuch. Unionsverlag.
Übersetzt von Oscar Benl und  Mieko Osaki. 224 Seiten. 13,40 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Integration war der neue Beat

Der Ruhm kam posthum, als Filmemacherin und als Schriftstellerin. Kathleen Collins (1988) hinterließ Storys über jene Zeit, in der es kurz danach aussah, dass das Leben nicht entweder weiß oder schwarz war. Integration war  im Sommer 1963 der pulsierende neue Beat. Gemeinschaft kam in Mode. Aber kannte die Liebe  damals wirklich keine Farben?

Kathleen Collins:
„Nur einmal“
Übersetzt von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Kampa Verlag. 192 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Viel Film in sieben Romanen

Die ersten zwei TV-Staffeln holten sich den Stoff bloß aus dem ersten historischen Kriminalroman Volker Kutschers (und veränderten viel); aber schon Buch sieben ist erschienen. Wieder  exzellent, wieder filmisch. Kommissar Rath schummelt sich 1935 beim Grüßen durch, er nuschelt „Hei’tler“, und u.a. rast ein Berliner Taxler mit seinem Fahrgast in den Tod.

Volker Kutscher:
„Marlow“
Piper Verlag.
528 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern