Kultur
28.04.2018

Über Sonne und Mond zur Nonna nach Apulien

Der Enkelsohn: Wissenschaftler, Deutscher; die Oma: Analphabetin, Italienerin. Ein Austausch. Ein Roman.

Einmal schenkte ihr der Enkelsohn, der seit Kindertagen die Ferien bei der italienischen Großmutter in Mattinata, Apulien, verbrachte, ein Buch.
Er wusste, sie war Analphabetin. Aber es war sein erstes Buch über die Sterne. Thomas de Padova (Bild oben)  ist ein deutscher Physiker und Astronom und Wissenschaftsjournalist.
Seine Nonna war enttäuscht, als Thomas ihr erklärte, er habe das Buch bloß GESCHRIEBEN.


Ihr wäre lieber gewesen, er hätte es GEBUNDEN, ihr Enkel wäre  BUCHBINDER geworden. Sie schätzte das Handwerk.
Aber gut, wenn der Bub studiert hat,  kann er wenigstens Antwort geben: „Stimmt das, dass die Sonne deshalb so hell leuchtet, weil sie an einen Benzinkanister angeschlossen ist?“
De Padova dachte, sie meinte es bildlich. Brav gab er  Auskunft. Aber dann bemerkte sie: „Ich glaube, es gibt da jemanden, der nachfüllt ...“
Es verwunderte später nicht mehr, als die   über Jahrzehnte schwarz  gekleidete Witwe wissen wollte, wo die Tür ist, durch die Jesus in den Himmel gekommen war.
„Nonna“ ist Liebe. Über Sonne, Mond und Mars  öffnete sich in einem Sommer der Weg zu intimeren Gesprächen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war es bei den Besuchen vor allem darum gegangen, Pasta  für die alt gewordene Frau  einzukaufen.
Will sie mehr von den tubetti Nr. 64? Oder  lieber  stortini bucati 67?? Schon schaltet sich eine Verwandte im Supermarkt ein: Nimm auch ditalini für die Suppe! Und corallini 31!

Aber von nun an konnte man mit ihr  auch darüber reden:
Alle gingen fort, alle ließen sie allein, der Vater, der Ehemann, der Sohn ... und wenn der Nonno nach einem Jahr als Bauarbeiter aus Deutschland zurückkehrte, grüßte er seine Frau nicht einmal. Warum nicht?
Das macht de Padova sehr schön: dass die Nonna näher kommt. So weit weg war sie anfangs – auch, weil sie  mit Zündhölzern unterm Kopfpolster schlafen ging.
Aber es ist verständlich: Als sie Kind war, lebte sie mit ihrem Vater in einer feuchten Höhle. Zündhölzer waren Mangelware, sie mussten trocken bleiben, um Feuer machen zu können ...
Hier kommen zwei Welten zusammen. Es ist ein Austausch. Man erfährt  gar nicht, dass de Padovas Nonna mittlerweile tot ist.
Weil sie ja bleibt. Wie  das Meer. Wie der Rosmarin. Wie ihre vielen  Gebete. Das Aufbewahren ist Sinn dieses Buches.

 


Thomas
de Padova:

„Nonna“
Hanser Berlin.
176 Seiten.
18,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****