Kultur
05.09.2017

U1: Schnecken und dysfunktionaler Lift zieren neue Stationen

Die permanenten Kunstwerke in den Stationen Troststraße und Altes Landgut werden heute, Dienstag, offiziell eröffnet.

Den beiden Künstlern Michael Kienzer und Yves Netzhammer, deren Arbeiten zwei der fünf neuen U1-Stationen zieren, wurde große Vorstellungskraft abverlangt. Denn anders als die meisten Kunstwerke im Wiener U-Bahn-Netz entstanden die Arbeiten parallel zum Bau. Lediglich Zeichnungen und Modelle dienten zur Orientierung, als Kienzer und Netzhammer 2015 ihre Pläne für den geladenen Wettbewerb von KÖR Kunst im öffentlichen Raum und Wiener Linien einreichten. „Bei der ersten Begehung glichen die Stationen noch steinzeitlichen Höhlen“, erinnert sich Kienzer.

Dysfunktion im Liftschacht

Dennoch wurde der Oberösterreicher von den noch nicht existenten Räumlichkeiten der Station Troststraße zu „Lines and Doubles“ inspiriert – und schuf das erste dreidimensionale Kunstwerk im Netz der Wiener Linien. Zur Verfügung standen zwei Wände sowie eine freie Fläche neben einem Lift: Diese hat zwar in etwa dieselben Maße wie der Aufzug, ist aber schräg. Analog zu diesem verzerrten Grundriss und mit denselben Materialien entstand eine Konstruktion, die scheinbar eins mit dem Lift wird – und dem ins Smartphone vertieften Fahrgast unter Umständen erst nach mehreren Arbeitswegen auffällt.

„Man fragt sich bei mir oft: Ist das Skulptur oder Architektur?“, sagt Kienzer. Seine Arbeit, die im hochfunktionellen U-Bahn-Raum mit der Dysfunktion spielt, beschreibt er als Hybrid. Der „echte“ Aufzug daneben dient übrigens als fahrende Aussichtsplattform: Durch die Glaswand kann man Kienzers Stahlkonstruktion in ihren vollen 11 Metern Höhe bewundern. Auch bei der Gestaltung der Wände griff der Bildhauer auf vorhandene Strukturen und Materialien zurück – und brachte durch die neue Anordnung „ein wenig Irritation ins geometrische Raster“.

Freundliche Überwachung

Weniger subtil fallen die „Gesichtsüberwachungsschnecken“ des Schweizers Yves Netzhammer in der Station Altes Landgut aus. Auf der mit 50 Metern längsten Rolltreppe des Wiener U-Bahn-Netzes kann man dessen größtes Kunstwerk bestaunen: Auf etwa 830 Quadratmeter sind 63 stilisierte Porträts angebracht. Sowohl bei den Wiener Linien als auch beim Künstler selbst sorgte die Größe zunächst für Bedenken: „Ich hatte Respekt vor diesem extremen Raum“, so Netzhammer. „Das hätte zu massiv werden können.“ Dass das nicht passiert ist, ist unter anderem den Farben geschuldet – dank der Flip-Flop-Lackierung ändern sich diese scheinbar im Vorbeifahren beziehungsweise -gehen.

Das lässt die ernsthaften Themen, die der Arbeit zugrunde liegen, gleich leichter wirken: „Eine U-Bahn ist ein Ort des Transits und der Begegnung. Man liest andere Gesichter, wird aber durch die Überwachung auch selbst gelesen.“ Zusätzlich zu digitaler Kontrolle reflektierte Netzhammer auch die Geschichte der Physiognomik: „Ich will aber auf keinen Fall belehrend wirken.“ Inspiriert zu seiner Aneinanderreihung von Porträts hätte ihn aber auch die Malerei der Antike. Zusätzlich zum großen Werk über der Rolltreppe gestaltete Netzhammer eine Wand im danebenliegenden Stiegenhaus – die beiden Räume sind durch Bullaugen optisch miteinander verbunden.

Insgesamt 31 Kunstwerke sind in den Stationen des Wiener U-Bahn-Netzes mittlerweile ausgestellt, 14 davon wurden in Kooperation mit KÖR realisiert. Am heutigen Dienstag werden die beiden neuesten Arbeiten im Beisein von Michael Kienzer und Yves Netzhammer um 18.30 Uhr in der Station Troststraße offiziell eröffnet.