Kultur 07.05.2018

Tulln: Familientreffen in Egon Schieles Garten

© Bild: Privatsammlung/Foto: Christoph Fuchs

Zum neu gestalteten Schiele-Museum an der Donau gesellt sich in diesem Sommer zeitgenössische Kunst

Während Pop-Fans  in aller Welt um den schwedischen DJ-Star Tim Bergling alias Avicii  trauern, flackert am Ufer der Donau, in Tulln, der Gedanke auf, dass der Musiker  im selben Alter wie Egon Schiele  – mit 28 Jahren  –  aus  dem Leben schied. „Kein Alter“, sagt man oft betrübt –  aber doch blieb genug Zeit, um ein markantes Werk zu entfalten.

Im Fall von Schiele wirkte es lange so, als  hätte das Werk das Leben ganz aus dem engen Zeitgefäß verdrängt – hatte jemand, der so  intensiv zeichnete und malte, dazu noch dichtete und Briefe schrieb, überhaupt noch Zeit zum Leben? Dabei war Schiele auch ein Kind, ein (schlechter) Schüler,  kurzzeitig Gefangener, Soldat, Bruder und Ehemann.

Das Schiele-Museum in Tulln, dem Geburtsort des Künstlers, hat sich seit seiner Gründung 1990 mit dieser Biografie auseinander gesetzt. Seit kurzem tut es dies in einer neuartigen Form: „Es war wichtig, die Darstellung  mit dem  Stand der Forschung in Einklang zu bringen und den Ort Tulln zeitgemäß in die Schiele-Welt zu integrieren“, sagt Kurator Christian Bauer, der auch Direktor der  niederösterreichischen  Landesgalerie ist, die derzeit in Krems erbaut wird. Auch dieser Donau-Ort sei, gemeinsam mit Klosterneuburg, Neulengbach und Wien, Teil jener „Schiele-Welt“, in der der Künstler den Großteil seines kurzen  Lebens verbracht hatte: Die Orte, sagt Bauer, prägten  sein Werk unweigerlich.

© Bild: Privat

Brücken in die Vergangenheit

Für die Neugestaltung des Tullner Museums griff der Kurator auf die Ressourcen jener Forscherin zurück, die diese Welt schon früh – erstmals im Jahr 1963 – bereist und dokumentiert hatte. Alessandra Comini, eine Kunsthistorikerin aus Texas, hatte in einer Ausstellung in Kalifornien eine Art „Erweckungserlebnis“ mit Werken Schieles gehabt. Bald reiste sie durch Niederösterreich, fotografierte sie exakt jene Neulengbacher Gefängniszelle, in der der Künstler einst gesessen hatte, und interviewte die hinterbliebenen Schwestern Gerti und Melanie sowie die Schwägerin des Künstlers, Adele Harms.

Cominis Tonaufzeichnungen sind, mehr als Gemälde oder Hinterlassenschaften, die „Originale“ der neuen Museums-Präsentation: Die Erinnerungen an Schieles legendäre Muse Wally Neuzil  etwa („Sie war ja nicht besonders schön“) bieten einen vielsagenden Kontrast zur Stilisierung des Künstlers durch sich selbst und durch seine Gönner. 

In einem kleinen Ausstellungsraum mit wechselnder Bespielung will Bauer dazu noch die Lupe auf aussagekräftige Beziehungen ansetzen. Heuer ist die Präsentation dem Onkel und Ziehvater Schieles gewidmet: Leopold Czihaczek lebte in großbürgerlicher Manier in der Leopoldstadt und sommers in Klosterneuburg, er brüstete sich gern mit dem bildnerischen  Talent des Neffen und trat doch gegen dessen Wunsch auf, Künstler zu werden.

Aus solchen Dynamiken innerhalb von Schieles engstem Kreis lasse  sich viel Erkenntnis über das Faszinosum des Künstlers gewinnen, ist Bauer überzeugt: 2019, wenn die Landesgalerie in Krems eröffnet, wird an diesem Strang noch weiter gezogen.

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© Bild: Iris Andraschek

Kunst muss in den Garten

In der Gartenstadt Tulln hat man im heurigen Sommer allerdings das Motto „Green Art“ ausgerufen, und so widmet sich am 8. und 9. Juni ein Symposium im Tullner Rathaus den Natur- und Gartendarstellungen in Schieles Werk. Doch die Experten-Versammlung ist nur ein Zeil einer größer angelegten Initiative, die dazu beitragen soll, dass die Gemeinde – in den Worten des Stadtmarketings – „über sich hinaus wächst“. So kündet seit kurzem eine Marterpfahl-artige Auftürmung überdimensionaler Essiggurkerln  (von Erwin Wurm) am Minoritenplatz von verstärkter Präsenz zeitgenössischer Kunst in der Stadt an der Donau

Im Rathaus/Minoritenkloster eröffnete am Wochenende dazu die  Ausstellung „Garten der Künstler“ (bis 30.9.). Die  thematische  Anklammerung der Schau an das alles beherrschende Tulln-ThemaGarten“ ist hier zwar nicht immer   nachvollziehbar, viele der gezeigten Werke sind aber absolut  sehenswert: Zu nennen  ist insbesondere  die Installation von Iris Andraschek, die das zerstörte Aleppo aus jener Lorbeerseife, die traditionell in der syrischen Stadt gefertigt wurde, nachmodellierte; eindrucksvoll wirken dazu  die großen Zeichnungen von Alois Mosbacher,  die  Gemälde von Markus Orsini-Rosenberg oder die Materialbilder von  Heinz Cibulka.  

( kurier.at , hub ) Erstellt am 07.05.2018