Traumschiff: "Zuseher wissen, was sie bekommen"

Am 22. November 1981 lief die MS Deutschland erstmals aus. Zum 30-Jahre-Jubiläum ist am Sonntag die 65. Folge im Fernsehen zu sehen.

Warum Erfinder und Produzent Wolfgang Rademann (2.v.r.) die Reiseziele, aber nicht die Schauspieler ausgehen und an Bord nie gemordet wird. ...

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Bild: (v.l.n.r.) Harald Schmidt als Direktor Schifferle, Siegfried Rauch als Kapitän Jakob Paulsen, Heide Keller als Chef-Stewardess Beatrice, Nick Wilder als Schiffsarzt Dr. Wolf Sander, Produzent Wolfgang Rademann und Inka Bause als Fitnesstrainerin Inka. Pünktlich um 20.15 Uhr heißt es am Sonntagabend in ORF und ZDF Leinen los. Zum 65. Mal läuft das "Traumschiff" aus und schippert für 90 Minuten sanft auf den Gefühlswellen der Weltmeere. Für die Jubiläumsfolge ließ sich Erfinder und Produzent Wolfgang Rademann (76) nicht lumpen. Bekannte Namen wie Harald Schmidt, Hannelore Elsner (beide im Bild), Hape Kerkeling oder Ingolf Lück und die Schauspieler Til Schweiger, Gaby Dohm, Barbara Wussow, Grit Boettcher, Otto Sander, Helmut Zierl, Gila von Weitershausen und Gerit Kling sind mit von der Partie, wenn es nach Quebec, New York und Salvador de Bahia geht. Rademann (im Bild) weiß seit dreißig Jahren genau, was sein Publikum sehen will, wie er dem KURIER verriet: "Eine Episode braucht Drama, Heiterkeit, Herzschmerz und ein exotisches Land, in das die Zuschauer nicht so schnell hinkönnen." 

Inhaltliche Überraschungen sind nicht Bestandteil eines Traumschiff-Drehbuchs, dafür umso mehr erfüllte Erwartung. "Die Zuschauer wissen genau, was sie bekommen: ein Happy End. Bei mir sieht man keinen Mord, keine Gewalt und kein Blutvergießen. Da kann man auch die Kinder vor dem Fernseher lassen." Dass beispielsweise der Spiegel sein Format als "Dickstes Schlachtschiff des Kitsch-Serien-Genres" tituliert, interessiert Rademann nicht. Seine Kritiker sind die Zuseher, und die halten dem "Traumschiff" seit Jahrzehnten die Treue. 

Bild aus der Jubiläumsfolge mit Hape Kerkeling In den 1980er-Jahren, als das Privatfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, waren durchschnittlich 25 Millionen Deutsche via TV-Bildschirm in fernen Ländern dabei.

Bild aus der Jubiläumsfolge Gegenwärtig wollen durchschnittlich 840.000 Österreicher und zwischen sieben und acht Millionen Deutsche wissen, was an Bord und unter Deck passiert – immer noch eine beachtliche Quote. 

Rademann, der sich selbst als "Unterhaltungsfuzzi" bezeichnet, hatte immer einen Riecher für Erfolgsformate. Nachdem der gelernte Schriftsetzer 1953 aus Ostberlin in den Westen floh, heuerte er als Reporter beim Boulevardblatt B.Z. an. Irgendwann war er in der Welt von Showgrößen wie Caterina Valente, Pierre Brice und Peter Alexander angekommen, bald Teil dieser Welt. 

Er entwickelte 1969 die "Peter Alexander-Show". Dauerbrenner wie "Die Wencke Myhre Show" und Sendungen mit Anneliese Rothenberger folgten.

Bild aus der Jubiläumsfolge Die größten Coups landete Rademann aber mit Serien. Seine "Schwarzwaldklinik" (1985–1989) gilt als der Vorläufer aller Arztserien und war eine Vorgabe in Sachen Quote. 60 Prozent Marktanteil in den 1980er-Jahren und selbst beim Revival, 20 Jahre später, sahen bis zu 15 Millionen Deutsche zu.

Bild: Traumschiff-Crew 1997. Das "Traumschiff", das am 22. Januar 1981 erstmals über den Bildschirm flimmerte, steht dem in nichts nach. Chef-Hostess Beatrice (Heide Keller, 70) ist von der Stunde null an dabei und feiert heute im Hauptabend-Programm – stellvertretend für die Serie – ihr 30-Jahre-Dienstjubiläum. 

Bild aus der Jubiläumsfolge "Beständigkeit" wird bei der Besetzung großgeschrieben. Die derzeitige Stamm-Crew besteht aus Kapitän Paulsen (Siegfried Rauch, Mitte), Chef-Hostess Beatrice (Mitte) und Schiffsarzt Wolf Sander (Nick Wilder, r.). Rademann, dessen Lebensgefährtin die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek ist, hat immer auf Stargäste gesetzt. "Die ersten großen Kanonen", wie Rademann die prominenten Passagiere gerne nennt, waren Maria Schell, Josef Meinrad, Klausjürgen Wussow (Bild, 2002 in der Folge "Mauritius") und Manfred Krug. Seither gaben sich viele aus dem Film- und Showbiz die Kabinen-Klinke in die Hand.

Bild: Klausjürgen Wussow in der Folge "Mauritius" im Jahr 2002 Es sei aber zunehmend schwieriger geworden, bekannte Gesichter zu engagieren, beklagt der 76-Jährige. "Vor 25 Jahren konnte man die Schauspieler noch mit Reisen begeistern. Wenn ich heute sage: ,Ich fahre nach Samoa, kommst du mit?‘, reißt das keinen mehr vom Hocker." 

Bild: Folge "Seychellen" im Jahr 2000 Langsam gehen ihm zudem die Reiseziele aus, wie der Erfinder, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion unlängst zugab.

Bei den Gästen sieht es anders aus. "Christiane Hörbiger und Senta Berger hätte ich sehr gerne einmal dabei. Die konnte ich aber bisher nicht überzeugen, da muss ich noch die passenden Rollen schreiben." 

Bild aus der Jubiläumsfolge Wer als Normalbürger dabei sein will auf der MS Deutschland, die Platz für 280 Mann Besatzung und 520 Gäste auf acht Decks bietet, muss laut Süddeutsche Magazin mit mindestens 3625 Euro pro Person rechnen.

Wen man dort immer antrifft? Wolfgang Rademann. Der am 24. November 1934 in Neuenhagen bei Berlin Geborene versteht sich als "Einmannbetrieb". Er ist von der ersten bis zur letzten Klappe mit dabei. "Drehzeit ist Lebenszeit. Nach diesem Motto lebe ich und sorge für eine angenehme Atmosphäre bei den Dreharbeiten. Ich trete da auf wie ein Familienvater." Pro Jahr dreht seine Firma Polyphon zwei bis drei Folgen à 40 Drehtage. 40 Prozent spielen sich zu Land, 60 Prozent zu Wasser, auf der "MS Deutschland" ab. "Mir wurde einmal ausgerechnet, dass ich in den dreißig Jahren sechs Jahre meines Lebens an Bord verbracht habe", erklärt Rademann, der nichts dem Zufall überlässt. Einzig die Quote kann er nicht vorschreiben wie das Drehbuch. Ebenso wenig das Wetter.

Fünf Stürme, ein Hurrikan und zwei Erdbeben standen in 30 Jahren nicht am Drehplan. Und doch gab es wie im Film ein Happy End. Im März 2011 Kursänderung nach Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe. Rademann: "Wir wollten eine Folge in Japan drehen, mussten aber nach Bali ausweichen." Unausweichlich auch die Nachrichten-Realität. Dass die einstigen Inhaberinnen der Reederei Deilmann, zu der auch das Traumschiff, die MS Deutschland, gehört, partout im Jubiläumsjahr vor der Pleite stehen, interessiert die Medien. Rademann zeigt sich unbeeindruckt. Schwer beeindruckt war und ist Schauspieler Harald Krassnitzer, der 2004 in der 44. Episode in Sambia einen Tierfotografen spielte (im Bild)."Das war ein Geschenk für mich, da ist das Honorar nicht so wichtig. Ich hatte nur vier Drehtage, der Rest war wie Urlaub", sagt Krassnitzer, "Rademann schafft es, die Leute für das Schiff zu begeistern." Und die Zuseher.
(kurier / Johanna Hager, andra Lumetsberger, Hannes Uhl) Erstellt am
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