Kultur
04.08.2018

Tolles Debüt mit der Hochhausspringerin

Die Deutsche Julia von Lucadou schrieb über eine Zukunft, in der es nur noch um Leistung geht.

(Das ist ein Roman, der sich sehr viel einfallen ließ, um  anzudeuten: Es macht gar nichts, wenn der Slim-Fit-Anzug nicht passt. Es gibt auch Menschen, die weniger als zwölf Stunden arbeiten wollen und sich halt keine Chiasamen auf dem Müsli leisten können. Und ... Kreisel sind etwas Schönes.
So, und jetzt fangen wir mit dieser Buchempfehlung ganz von vorne an.)

***
Die Spitzensportlerin Riva will nicht mehr. Riva ist zwar erst 24 und Idol von Millionen, sie würde die kommende Weltmeisterschaft locker gewinnen. Aber sie fragt:
Was ändert sich,wenn ich gewinne?

Andere entscheiden

Sie sitzt auf dem Fußboden und dreht einen Kreisel.
Wozu ist so ein Kreisel gut? Er dreht sich. Aber WOZU IST ER GUT? Er dreht sich! Mehr leistet er nicht. Ist er deshalb – nutzlos?
Die Sportart, in der Riva die Beste war,  ist:
Hochhausspringen.
Daran merkt man, die Welt hat sich in diesem wunderbar schrecklichen Roman verändert.
Ein wenig verändert.
In einer namenlosen Stadt werden jene Menschen gefördert (gezüchtet), denen perfekte Leistungen zugetraut werden. Das kann im Sport sein, in der Wissenschaft ...
Wer kuscht und  arbeitet und permanent andere für sich entscheiden lässt, bringt es in den sehr hohen Hochhäusern zu Wohnungen ganz oben, dort gibt es mehr Sonnenlicht.
Wer  nachlässt, kommt nach unten – dann nach außen – schließlich in die Peripherie. In den Dreck, zu den Fabriken am Stadtrand, zu den Dicken, angeblich Faulen, Dummen  (vielleicht Kreativeren?)...
So weit weg ist diese Welt. So nah ist sie. Das Debüt der Deutschen Julia von Lucadou fesselt von Beginn an.

Drohne mit Kamera

Riva, die nicht mehr in der Luft tanzen   will, wird observiert, sogar im Bett wird sie beobachtet. Sie darf nicht aufhören. Sie ist ein Geschäft. Die Psychologin, die  auf sie angesetzt wird, ist   wild entschlossen, nicht wegen ihr in die Peripherie abzurutschen.
Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Man stellt sich eine Drohne vor, mit Kamera, und jeder Satz im Roman ist ein heimlich aufgenommenes Foto – ein Filmkader. Für Popcorn wird man beim Schauen keine Muße haben.

 

Julia von
Lucadou:

„Die Hoch-
hausspringerin“
Hanser Berlin.
288 Seiten.
19,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern