Kultur 14.06.2018

Time Warner, AT&T, Comcast, Fox, Disney: Neuvermessung der TV-Welt

© Bild: REUTERS/DADO RUVIC

Umbruch im US-Medienmarkt: Nach dem grünen Licht für die Fusion von Time Warner und AT&T hat nun Comcast 65 Milliarden für Disney geboten.

So schnell wird aus einem gesättigten, faden Markt ein Ort des gewaltigen Umbruchs: Vor gar nicht allzu langer Zeit waren die USA legendär für ihre Kabel-TV-Durchdringung (so viele Sender!). Für die Anbieter war es eine wahre Goldgrube, und auch die Sender wie HBO oder ESPN ließen sich ihre Aufnahme in die Angebotspakete der Kabelbetreiber genussvoll vergüten.

Nun aber werden immer mehr Amis zum „Kabeldurchschneider“: Vor allem die Jungen verzichten auf die teuren TV-Pakete – und abonnieren stattdessen Netflix. Zum Kontext: Die wertvollste Medienfirma der USA ist seit Kurzem nicht Disney und nicht Fox, sondern Netflix (158 Milliarden Dollar).

Ferngesehen wird online, und 2019 steht ein Wendepunkt bevor: Die Menschen sollen dann erstmals weltweit mehr Zeit online verbringen als vor den TV-Geräten. Und genau für diese Zeit rüsten sich nun die Medien- und Kabelgiganten. Time Warner und AT&T haben grünes Licht für ihre Fusion bekommen – der Übernahme-Deal ist 85 Milliarden Dollar wert. Es vereinen sich also die Eigentümer von u.a. HBO (und damit „Game Of Thromes“) und CNN mit einem Mobilfunk- und Satellitenriesen.

Kit Harington aka Jon Snow
© Bild: AP/Helen Sloan

Dass hier ein Medien- und ein Telekom-Unternehmen zusammenkommen, ist das eigentlich Spannende: Die etablierten Unternehmen beider Seiten sehen eine Verbindung von Infrastruktur und Inhalten als einzige Chance, sich gegen die Streaming-Emporkömmlinge (wie auch YouTube, meist genützte App bei den Jungen) zu behaupten. Und sie haben ein Ass im Ärmel, das sich als fades Schlagwort für Techno-Freaks verkleidet, aber immense Auswirkungen hat. Vor wenigen Tagen wurde in den USA die Netzneutralität abgeschafft. Was langweilig klingt, aber u.a. AT&T – theoretisch! – ermöglicht, künftig das Programm von Time Warner bei der Verteilung über die eigenen Netzwerke zu bevorzugen. Und Netflix entweder langsamer zu machen. Oder von dem Streaminganbieter eine heftige Gebühr zu verlangen, damit es weiter ruckelfrei streamt. Oder von den Kunden einen Aufpreis genau dafür einzukassieren.

Disney rüstet nach

Das Spielfeld ist also ganz neu aufgestellt – und viele Züge werden folgen. Dass das US-Gericht die Megafusion so anstands- und auflagenlos durchwinkt, wird die Zusammenlegungslawine noch beschleunigen, prognostizierte am Mittwoch etwa die New York Times.

Und es ging rasch: Die nächste Baustelle ist die Übernahme von 21st Century Fox, eines der renommiertesten Film- und TV-Studiokomplexes (und Teileigentümer u.a. von Sky). Disney (das u.a. unter dem einbrechenden Interesse für das Sportübertragungsflaggschiff ESPN leidet) hat ein Angebot in der Höhe von 52 Milliarden Dollar als Aktienpaket gestellt. Nun aber macht ein weiteres Telekomunternehmen dem Deal scharfe Konkurrenz: Der Internetanbieter Comcast, bereits im Besitz von NBC, will Disney überbieten – und hat 65 Milliarden für Fox geboten (und will in einem seperaten Deal auch den Rest von Sky aufkaufen).

Fox-Eigentümer Rupert Murdoch wird es freuen. Für die Kunden – in den USA; demnächst weltweit – wird es spannend.

( kurier.at ) Erstellt am 14.06.2018