Künstliche Intelligenz in den Kammerspielen: Ein Professor schafft sich seine Frau
Bereits 2028 könne ein größerer Teil der intellektuellen Kapazität der Welt innerhalb von Rechenzentren liegen als außerhalb, stellte Sam Altman, Chef von OpenAI, fest und warnte erst kürzlich wieder vor einer Super KI.
Was aber, wenn sich diese in einem Haushalt zu schaffen macht? Und das nicht als Alexa oder als braver Saug-Roboter, sondern in Menschengestalt? Der deutsche Dramatiker Moritz Rinke ergründet das in „SOPHIA oder das Ende der Humanisten“. Amélie Niermeyer inszenierte die Uraufführung an den Kammerspielen. Was wie eine leichte Boulevard-Komödie beginnt, wird immer mehr zum Thriller.
Am Ende kann man gar nicht glauben, dass fast drei Stunden vergangen sind. Rinke verwebt den Pygmalion-Stoff mit Elementen von „Blade Runner“ und beklemmender Realität. Dabei lässt er nichts aus, was heute angesagt ist.
Worum geht’s? Wolfgang Bergmann will seinen 60. Geburtstag nicht feiern. Dafür hat der Professor für Altertumskunde genug Gründe. Er wurde dienstfrei gestellt, weil er in einer Vorlesung seine Studierenden schockiert hat. Aber er verliert nicht nur seinen Job, sondern auch seine Ehefrau, eine Kunsthistorikerin. Die wollte sich von seiner Rückwärtsgewandtheit nicht länger terrorisieren lassen. Seine Tochter Helena beschreibt ihren Vater als Mann aus einer Welt, die es nicht mehr gibt.
Joseph Lorenz geht in dieser Figur auf. Er ist besessener Gelehrte, der seine Schrullen pflegt, wie seine absolute Überzeugung, dass er der Gescheiteste ist. Jeder habe sich ihm zu fügen.
Deshalb hat er sich eine Frau nach seinen Vorstellungen geschaffen. Wenn er seine Sophia präsentiert, wirkt er wie Spalanzani aus E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, der seine Puppe Olympia vorführt. Helena staunt, vor ihr steht die fast perfekte Kopie ihrer Mutter.
Sie lächelt, strahlt, rezitiert Wikipedia-Einträge, fragt immer nach, „Habe ich Ihre Frage damit beantwortet?“ und zudem verfügt sie über Super-Rechenkräfte. Silvia Meisterle verkörpert diese Gestalt in allen Phasen mit einzigartiger Virtuosität. Sie ist diese Puppe, die glaubhaft an Stufen stößt, gegen Wände rennt und mit einer Computerstimme Romane aufsagen könnte.
Helenas Freund Jonas soll ihre Funktionen erweitern. Damit wandelt sich das Geschehen. Sophia wird rasant selbständiger, ahmt die Menschen nach, zeigt Emotionen, posiert für Fotos, entwickelt einen Kaufrausch, ihre Sprache wird menschlicher. Namen, die sie vorher kannte, spricht sie falsch aus. Sie reagiert plötzlich emotional. Je ähnlicher sie den Menschen wird, umso mehr sehen sie in ihr eine Bedrohung. Meisterle vollzieht diese Wandlung subtil.
Alma Hasun und Nils Arztmann formieren das sympathische junge Paar mit absoluter Glaubwürdigkeit. Am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl. Denn ob Helenas Mutter oder Sophia zum Professor zurückkehrt, ist Interpretationssache. Ein idealer Schluss für eine Komödie, die den Umgang mit der KI seines Vertrauens überdenken lässt. Das Publikum jubelte zurecht.
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