Ruth Klügers "Weiter leben" als Theaterstück: Eine Kindheit unter Mördern
Am 27. Jänner 1945 wurden die letzten Überlebenden aus den Konzentrationslagern Auschwitz und Auschwitz-Birkenau befreit. Am Abend des internationalen Gedenktags an die Opfer des Holocaust brachte das Junge Theater Wien eine dramatisierte Fassung von Ruth Klügers epochaler Autobiografie „Weiter leben. Eine Jugend“ (Bühnenfassung: Peter Belcher und Hubertus Zorell) im Schloss Neugebäude zur Premiere.
Klügers 1992 erschienene Erinnerungen an die nationalsozialistischen Verbrechen sind in einer Zeit stetig anwachsenden Antisemitismus nicht hoch genug einzuschätzen. Nika Marie Sommereggers Regie ist völlig auf den Text konzentriert. Auf einer schwarzen Bühne prangt eine Tafel mit geometrischen Figuren. Das genügt den beiden Schauspielerinnen, Linnea Jonasson und Katharina Pajenk, um in 55 Minuten in die Welt der 1931 in Wien geborenen Arzttochter zu führen.
Ohne Pathos schildern sie, wie ein wohlbehütetes Kind mit dem Unsäglichen konfrontiert wird. „Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten, wovon man gern mehr gehört hätte“, so beginnt Klüger ihre Erinnerungen. Das Stück startet mit Zeilen aus dem „Dollfuß-Lied“. In wenigen Szenen wird vorgeführt, wie die Idylle des umsorgten Kindes in Grauen umschlägt, bis sie mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wird.
Ein Chor
Am eindrucksvollsten sind jene Szenen, in denen die Schauspielerinnen im Duett sprechen. Da wirken diese zwei Stimmen wie ein Chor. Eindrücklich berichten sie von der Ausgrenzung in der Schule, das Aufbegehren gegen die Mutter im Konzentrationslager, die Lastwagen, die Leichenberge transportieren, und der Frage nach dem wie Weiterleben. Die Klarinettistin Anja Kerbitz macht die Beklemmung mit eigenen Improvisationen spürbar. Viel Applaus für diesen denkwürdigen Abend (ab 16), der in den Wiener Außenbezirken gezeigt wird. Susanne Zobl
Kommentare