© Dialog im Dunkeln / Anna Huber

Kultur
12/05/2011

Theater ohne Licht: Im Dunkeln tappen

Theater ohne Licht: Wer nichts sieht, empfindet alle anderen Sinneswahrnehmungen umso intensiver. Eine spannende Erfahrung - jedermann zu empfehlen.

Bei Krimis liegt ja meistens etwas im Dunkeln - zumindest der Mörder oder das Motiv. Aber gleich der ganze Theatersaal? Das "Theater ohne Licht", das die Macher des "Dialogs im Dunkeln" anlässlich ihres zweijährigen Jubiläums im Wiener Schottenstift für dieses Wochenende aus Hamburg eingeladen haben, verspricht genau das: zwei Morde, viele Verdächtige, ein Phantom und die Angst, die am Hamburger Fischmarkt umgeht.

Dass es beim Stück "Das Phantom vom Fischmarkt" nichts zu sehen gibt, wird dem Theaterbesucher spätestens klar, wenn der blinde Guide zielsicher zu den Sitzplätzen führt. Stockfinstere Nacht, einzig der Sessel gibt ein wenig Bodenhaftung. Die Finsternis hat aber durchaus Vorteile: Kein Kopf aus der Vorderreihe trübt den Bühnenblick und es ist egal, ob jemand lümmelt oder in der Nase bohrt. Lediglich die Leuchtziffern der Armbanduhr werden plötzlich zu gleißend hellen Störfaktoren.

Doch bald bleibt keine Zeit mehr für philosophische Überlegungen im Dunkeln. Dann geht's rund im Theatersaal. Marktgeräusche von vorn, Schritte von links hinten und Tassengeklimper sowie - tatsächlich! - Kaffeeduft von rechts. Die vier Schauspieler, die jeweils mehrere Charaktere darstellen, umrunden ständig ihr Publikum. Später wird Produzentin Susanne Kramer erklären, dass sie sich mithilfe von speziellen Kontaktpunkten an den Wänden zurechtfinden. Sie hat den gleichnamigen Krimi aus der Hörbuch-Reihe "Hamburg-Krimis" fürs Live-Theater inszeniert. Der Besuch in Wien ist das erste Auslandsgastspiel der Truppe, die auch in Hamburg mit den dortigen "Dialog im Dunkeln"-Machern zusammenarbeitet.

Perspektivenwechsel

Während des Stücks wechseln Schauplätze, Personen und Perspektiven ständig - und schnell hat sich der Zuschauer seine eigene Bühne im Kopf gebaut. Ist doch klar, der brummelnde Kommissar muss einfach einen Schnauzer tragen und der kleine Taschendieb, der immer wieder durchs Stück geistert, ist ein wendiger, dünner Typ, dessen Augen sicherlich listig aufblitzen. Und von Frau Elfis Kaffeebude aus verfolgt das Publikum das bunte Markttreiben, umhüllt von Blumenduft - sogar die schmauchenden Pistolen kann man riechen. Die Jagd nach dem mörderischen Phantom ist schließlich kein Kindergeburtstag.

Mittendrin sitzt man selbst, vielleicht etwas atemlos, wendet automatisch den Kopf in Sprechrichtung der Akteure - um wieder einmal exakt gar nichts zu sehen. Doch im nächsten Moment ist es wieder da, das eigene Kopfbild. In Farbe übrigens. Und da ist er wieder, dieser Satz von André Heller: Die wahren Abenteuer sind ja doch im Kopf.

INFO
Vorführungen am Sonntag um 16 und 19 Uhr, 29 €, Anmeldung erforderlich, Hotline: 01/890 60 60

Nachgefragt: "Bilder kann man sich gut im Kopf ausmalen"

Helmut Schachinger, 44, ist Geschäftsführer von "Dialog im Dunkeln" und von Geburt an blind. Durch Operationen konnte er für jeweils kurze Zeit zumindest einige Meter weit sehen. Heute kann er nur hell und dunkel unterscheiden.

KURIER: Wie erleben Blinde Kunst - also Theaterstücke oder Gemälde?
Helmut Schachinger: Theater und Filme erleben wir wie ein Hörspiel. Die Bilder dazu kann man sich gut im Kopf ausmalen. Die meisten glauben ja, der Sehsinn sei der Hauptsinn des Menschen. Das stimmt aber nicht, die anderen Sinne leisten viel Vorarbeit. In der Aussage ,So ein traumhafter Ausblick' schwingen auch individuelle Gefühle mit. Etwa die Windintensität oder wie die Luft riecht. Sehende nehmen das meist gar nicht so wahr. Für vieles braucht es als Blinder natürlich Lerneffekte. Man muss lernen, sich auf andere zu verlassen, die die Eindrücke mit Worten beschreiben.

Wie beschreibt man denn eine Farbe, wie das typische "Van-Gogh-Gelb", wenn jemand nie sehen konnte?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass auch die Farb-Vorstellungen mit den Jahren verblassen. Man vergisst das mit der Zeit. Für Blinde läuft auch hier vieles über Beschreibungen und Vergleiche. Allein Rot kann man unterschiedlich interpretieren: wie Blut oder aber eine süße Erdbeere. Es gibt da das sogenannte "Schwarze Buch der Farben", damit können sich Blinde gut Farbwissen aneignen. Es würde nichts nützen, im Museum einen Van Gogh oder Dürer, im wahrsten Sinn zu be-greifen. Es gibt aber spezielle
Führungen für Blinde.

Und Architektur?
Da helfen wir uns mit dem Tastsinn. Den Stephansdom kann ich natürlich nicht ganz betasten. Aber es gibt ein originalgetreues Modell. In Minimundus durfte ich alle Gebäude betasten. Das ergibt durchaus ein haptisches Bild.

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