Volksbühnen-Gastspiel am Landestheater NÖ: Sommernachtstraumdeutung für alle
Hat man wirklich gerade eben noch so Theater gespielt? Einen "Sommernachtstraum", ausgerechnet, dieses Populärste aller Theaterklischees, mit Wasserfall und Elfen?
Die drei Figuren auf der Bühne des Landestheater Niederösterreich wissen es nicht so recht. Ja, kann sein, wenn, dann hat es sechs Stunden gedauert. Oder 24? Aber was zu sehen war? Wo das Drama war? Keiner weiß es mehr. Klar ist nur: Das Theater hat einen Knacks bekommen. Und alles andere auch. Und so trifft man sich vor dem Vorhang zur eineinhalbstündigen Gesamttherapiesitzung, zur Sommernachtstraumdeutung.
Und nicht nur, aber gerade auch für all jene, die sich beim Wort "Postdramatik" denken, ab die Post, nach Hause, ist das Volksbühnen-Gastspiel von René Polleschs "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)" (noch heute, Freitag) ein vifer, geistreicher Parforceritt durch die Bruchlinien, die sich allüberall aufgetan haben, eine Einladung, mit Therapiesprech und Theatergesten, mit unsinnigen Sprachvolten und sinnvoll Absurdem gegenzuhalten. Gegen alles.
Zu Beginn haben die drei noch so Shakespearetheaterzeug an, Raulederhosen, weite Blusen. Das ist natürlich gleich ein Witz von Pollesch (1962 - 2024), denn Martin Wuttke, Kathrin Angerer und Marie Rosa Tietjen sind, eh klar, heutige Figurenvorlagen, die vor dem Vorhang Schauspielende spielen, die vielleicht Shakespeare gespielt haben, aber ab jetzt uns alle spielen.
Es beginnen in dem 2018 in Zürich uraufgeführten Stück sogleich die Pollesch'schen Sprachpirouetten: Schauspielerbefindlichkeiten, Kindheitstraumata, philosophische Schmähs, Sprachgewalt und verhuschte Achtsamkeitsmomente, all das hauen sich die drei um die Ohren. Angerer bringt sich hinter ein scheinungefährliches Äußeres in Stellung und zündet von dort aus die ärgsten Dinge.
Beständig drehen sich die Relationen, alles ist Behauptung, Beziehungen, das Missachtetwerden als Kind, das zum Knacks beigetragen hat, selbst das Aussehen: Wuttke tritt erst mit blonder Schönlingsperücke auf, und wenig später dann, immer wenn einer der Drei durch den geschlossenen Vorhang nach hinten auf die echte Bühne schaut, werden falsche Bärte, wilde Frisuren und ein dermaßen schräger Hut aufgeklebt und aufgesetzt, dass selbst die Pollesch'schen Auskennerfiguren ins Stottern kommen.
Leben, Theater, Beziehungen, alles angeknackst. Und das Feuerzeug funktioniert auch nicht.
Immer wieder erklingt Eumir Deodatos "Also sprach Zarathustra"-Verjazzung.
Und das passt ganz wunderbar, denn all dieses alte, bierernste, erdschwere Kunstzeug (Richard Strauss, na ja) bekommt hier einen leichten Beat.
Das Theater, wie es bisher so war, ist hier immer am Ende, auch wenn sich der Vorhang mal hebt. Mehrfach rattert die Riesenleinwand mit der idyllischen Wald-Wasserfall-Szenerie zu Boden, und von oben schwebt eine Gorillahand in King-Kong-Größe herab, auf der Wuttke nach viel Herumgewurstle erst zwischen Daumen und Zeigefinger die ersehnte Schlafposition findet.
Lösungen gibt es für nichts, Angerer wechselt, wenn es gar nicht mehr geht, das Thema in Richtung Haustiere. Ein bisschen ironischen Theaterzauber gibt es, klar, wenn Angerer und Tietjen per Zauberhandbewegung das Wasser aus dem Bühnenboden schießen lassen (und es bei Wuttke nicht funktioniert). Die Bühne selbst darf mit Lichterlshow hin und wieder auch die Hauptrolle spielen, und in der letzten Kostümbehauptung des Abends holen sich die Drei Standing Ovations ab. Sehenswert!
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