Kultur
12.07.2018

The National beim "Ahoi!-Festival: Auch ohne Glitter intensiv

© Bild: Florian Wieser

Matt Berninger, Sänger der US-Band The National, war heuer im Linzer Donaupark der Haupt-Act

„Du hast ja gar keinen Glitter auf dir!“ So begrüßt Lauren Mayberry ihren Gast-Star Matt Berninger. Mit dem Sänger von The National hatte ihre Band Chvrches vor Kurzem den Song „My Enemy“ aufgenommen. Obwohl beide Formationen diesen Sommer schon auf anderen Festivals am gleichen Tag auftraten, kommt es erst hier beim „Ahoi! The Full Hit Of Summer“-Festival im Linzer Donaupark dazu, dass sie ihn auch live gemeinsam singen.

„Von Kopf bis Fuß“ will Mayberry Berninger dabei in Glitzerndes hüllen. Sie, die Chvrches und deren unverschämt poppiger Elektronik-Sound haben gerade zum ersten Mal Stimmung in das bei den Sets von Dream Wife, Deap Vally und Moses Sumney von Regengüssen und technischen Problemen beeinträchtigte Festival gebracht.

Jetzt – bei Sonne – glänzt ihre auf der einen Seite babyblaue, auf der anderen Seite babyrosa Augen-Ummalung besonders gut. Daneben steht Berninger, wirkt – fast ganz in schwarz gekleidet mit adrett geordnetem Hemdkragen unterm Pullover, dicken Brillen, Bart und angegrauten Schläfen – wie ein in sich gekehrter Wissenschaftler. Dass er trotz dieses zurückgezogenen, schmucklosen Auftretens genauso einnehmend sein kann wie seine Freunde von The Chvrches, zeigt er eine Stunde später mit The National, dem letzten „Ahoi!“-Act auf der Donaupark-Hauptbühne, bevor die Party mit den Acts Anger und Young Fathers im Brucknerhaus weitergeht.

Lauren Mayberry von The Chvrches © Bild: Florian Wieser

Sanfter Ärger

Die „Könige des sanften Ärgers“ hat ein britischer Journalist The National genannt, als die Amerikaner mit dieser Tour zum jüngsten, umjubelten Album „Sleep Well Beast“ in England auftraten. Das stimmt nur zum Teil. Zwar beginnen die meisten ihrer Songs mit einem kleinen Klavier- oder Gitarrenmotiv und monotonen Beat recht verhalten. Berninger intoniert darüber in halbschlafenem Sprechgesang seine Gedanken über Ängste, die Liebe und die Angst, die Liebe zu verlieren. Aber langsam schwillt die Musik an, mehr Instrumente mischen sich ein, Bläser oder eine störrisches Gitarrensolo kommen dazu, verstärken das simple Basis-Motiv ins Rabiate, akut Panische.

Orchestriertes Chaos

Berninger steigert sich mit der Musik. Er beginnt zu schreien, geht wiederholt ins Publikum. Oder er kontrastiert das orchestrierte Chaos bei den Song-Ausklängen mit fast wispernder Stimme. Viele Stücke des jüngsten Albums „Sleep Well Beast“ hat er im Programm, darunter die großartigen „The System Only Dreams In Total Darkness“ und „Walk It Back“, die frühe Höhepunkte sind.

 

© Bild: Florian Wieser

National-Klassiker wie „Bloodbuzz Ohio“ und „I Need My Girl“ treiben die Stimmung weiter an. Dann stimmt die Band „Graceless“ an. Berninger versucht es zwei Mal, findet aber nicht in den Song und bricht ihn ab.

Es stört kein bisschen, macht ihn nur menschlicher. Genau wie die Tatsache, dass hin und wieder auffällt, dass er nicht der großartigste Sänger ist – man hört, wo stimmlich seine Grenzen liegen: Powertöne ins Publikum schmettern ist nicht seine Sache. Aber das würde ohnehin nicht zu dem Sound passen. Und der 47-Jährige gleicht es perfekt mit seinem Charisma aus. Ähnlich wie Nick Cave braucht er keinen Glitter, keine Show, keinen wilden Tanz, um auszusenden und die Menge zu bewegen. Es reicht, wenn er versunken am Mikro steht und sein Innerstes durch die Kraft der Songs nach außen kehrt. In Linz war er so intensiver denn je.