Kultur
15.06.2018

Syrien: Tote brauchen eine Extragenehmigung

Authentischer Roman: "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" von Khaled Khalifa.

Das erste Kapitel hat den Titel „Wärst du doch ein Kümmelsack !“ – denn das wäre angenehmer als die eingewickelte Leiche eines Vaters: Das ist damit gemeint im Roman „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“.
Der Mann, der in Syrien alt wird und eines natürlichen Todes stirbt, ist eine Seltenheit. In Damaskus erfüllen ihm seine drei Kinder  den letzten Wunsch: Im Dorf, wo er auf die Welt gekommen war, wollte  Abdallatîf  begraben werden – neben der Schwester, denn sie habe immer so geduftet ... (Naja, Laila starb 40 Jahren vorher.)

Der Schriftsteller Khaled Khalifa hat Humor. Galgenhumor.
Er ist nicht geflüchtet, er lebt nach wie vor in Damaskus. Authentischer wird man’s nicht erfahren, dass es allen egal ist, wenn jemand stirbt, weil ständig jemand stirbt; und die Leute, die noch am Leben sind, betrachten einander als künftige Tote ... sodass die syrische Weisheit verständlicher wird:
„Der Tote lebt länger als der Lebendige.“
Kein DuftZwei Brüder und eine Schwester machen sich im Minibus auf den Weg, Vater im Fond. Die Reise – eh nur 300 km – wird Tage dauern. Es wird kontrolliert und kontrolliert.
Schon bald verhaftet die Regierungsarmee den Toten. Angeblich kommt so etwas öfter vor. Vater galt nämlich für  einen der Geheimdienste als Oppositioneller. Aber er ist tot! Egal,  Rebellen brauchen eine Extrabewilligung. Mit Geld kann man die Weiterfahrt  erzwingen.

Während es von Checkpoint zu Checkpoint konkurrierender Kämpfer geht und Islamisten die religiöse Einstellung  prüfen, lernen wir die Mitglieder der Reisegruppe genauer kennen; und hinten im Bus setzt der Verwesungsprozess ein.
Nein, den erspart Khaled Khalifa den Lesern nicht. Er ist kein blumiger Schriftsteller, sondern ein direkter, und – Humor hin oder her – was nicht duftet wie Schwester Laila, das duftet eben nicht. Überhaupt nicht.
Es bekommt sogar einen Riss mitten im toten Körper, und die Geschwister haben gute Lust, Vater aus dem Wagen zu werfen.
Vielleicht versteht man ja nun besser, was aus Syrien geworden ist.


Khaled
Khalifa:
„Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“
Übersetzt von
Hartmut
Fähndrich.
Rowohlt.
224 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern