Kultur
24.11.2018

Stewart O'Nan: Thriller vor der Staatsgründung Israels

Jerusalem im Jahr 1946: Eine Romanze ist "Stadt der Geheimnisse" auch noch.

Über Menschen schreibt er, die wir nicht für besonders interessant halten.
Bestes Beispiel war eine alte Frau mit ihrem arthritischen Hund. Man scherzte damals im amerikanischen Verlag: Na bumm, gleich wird Steven Spielberg anrufen ...
Aber „Emily, allein“ wurde ein Welterfolg; und Stewart O’Nan (Bild oben) zu einem der wichtigsten Schriftsteller der USA.

Illegal

Jetzt stellt der ehemalige Flugzeugingenieur einen Taxler in den Mittelpunkt. Er heißt Brand.
Ein lettischer Jude und Witwer, im Gegensatz zu seiner Frau, seinen Eltern, seiner kleinen Schwester, seinen Großeltern, den Onkeln und Tanten und Cousins hat er  die Lager Stalins und Hitlers überlebt. Warum er? Oft fragt er sich das.
Nach dem Krieg schaffte es Brand, illegal nach Palästina zu gelangen.  Illegal, weil die britische Mandatsregierung die Einwanderung  immer stärker einschränkte.
Seine gefälschten Papiere  verdankt er der zionistischen Untergrundorganisation Hagana (die nach  Gründung des Staates Israel  in die Armee eingegliedert wurde).  Jetzt heißt er Jossi, und wenn er Taxi fährt, dann chauffiert er nicht immer Touristen.
Sondern auch Attentäter, Waffen, eine Bombe.
Bei Sabotage-Aktionen ist er dabei. Das geht für ihn in Ordnung, weil die Briten viele Juden nicht gerettet haben.
Aber nach dem Anschlag der radikaleren Irgun-Organisation auf das King David Hotel mit den Büros des Generalstabs (Juli 1946, 91 Tote) MUSS er weiterziehen.
Lagerhäftling war er schon, ein Soldat war er jetzt auch – ab sofort ist er frei.
Sein Versuch, nach den Kriegserlebnissen wieder  ein Mensch  zu sein, ist vorerst gescheitert.
Dass Maschinenpistolen wie Enkelkinder in den Armen gehalten wurden, war längst Zeichen für die Unmöglichkeit gewesen.
Da mag es in Jerusalem noch so gute Gründe für den bewaffneten Kampf geben.

Zu groß

O’Nans „Stadt der Geheimnisse“ ist ein Thriller, in dem es um die Moral in der G’schicht und der Geschichte geht. In dem das Drama vor der Staatsgründung erforscht wird. In dem Seelen erforscht werden.
Kann man sagen.
Man kann sogar an die Spionageromane von Le Carré denken und den Schatten von Orson Welles vorbeihuschen sehen.
Doch vor allem ist „Stadt der Geheimnisse“  eine Romanze. Ein Mann sucht etwas Liebe. Die Welt ist nicht mehr seine Welt. Er ist in eine Sache geraten, die zu groß ist für ihn. Aber darf er wenigstens einer Frau einen Bernsteinanhänger für ihre Halskette schenken?
Eva mag so etwas nicht. Sie trägt ihre Narbe, die der Krieg hinterließ, deutlich im Gesicht. Auch sie hat  ihren Ehepartner verloren. Auch sie arbeitet   für die Hagana: Brand muss sie zu Hotels bringen, wo sie mit englischen Beamten schläft und spioniert.
Eva mag Brand, und wenn sie frei hat, bleibt er über Nacht bei ihr. Sie will bloß  verhindern, dass es Liebe wird. Mit der Liebe ist es noch schwieriger, als durch Jerusalem zu fahren, mit Sprengstoff, vorbei an den Kontrollposten.

 

Stewart O’Nan: „Stadt der
Geheimnisse“
Übersetzt von
Thomas Gunkel.
Rowohlt Verlag.
224 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern