Kultur
07.08.2017

Stephen King: Die Rückkehr des Horror-Königs

Der Horror-Bestsellerautor erlebt, nicht zuletzt dank Donald Trump, einen neuen Hype.

Düster waren die Zeiten, und die düsteren Zeiten hatten einen Horror-König, nein: -King. Stephen King lieferte den Literatur-Soundtrack zum Finale des Kalten Kriegs, zur Nixon-, Reagan- und Thatcher-Ära, zu all den düsteren Gespenstern vom Wall-Street-Kapitalismus bis zum Kabelfernsehen, die in den 1970ern und 1980ern in die US-Kleinstädte einzogen.

Er tat das so, dass man es nicht merken musste. Man konnte – und viele, vor allem viele Kritiker taten das – "Es" und "Shining" und "Friedhof der Kuscheltiere" und "The Stand" auch nur als mal mehr, mal weniger gut geschriebenen Horror lesen.

Doch der Wahnsinnserfolg des Amerikaners – er verkaufte 350 Millionen Bücher – fußt darauf, dass seine Bücher mehr sind als Schreckenszenen und Horrorvisionen. Mit "Es" schrieb er, versteckt hinter der Gruselstory, einen der hellhörigsten Abgesänge auf die US-Kleinstadt, auf den amerikanischen Traum und auf Freundschaft. Auch "Brennen muss Salem" spürte früh den Veränderungen in der US-Gesellschaft nach; im kleinen, einst idyllischen Dorf wohnten nun Vampire.

Amerika am Abgrund

Und mit "Todesmarsch", "Running Man", "The Stand", "Talisman" und seinem achtteiligen Großwerk "Der dunkle Turm", an dem King 30 Jahre schrieb, entwarf er alternative Amerikas; eines erschreckender als das andere, eines näher am Abgrund als das andere.

Und das macht es wenig verwunderlich, dass King, knapp vor seinem 70er (am 21. September), nun wieder präsent ist wie schon lange nicht mehr: Sein Werk entsprach dem Weltgefühl damals, und es entspricht immer mehr auch dem Weltgefühl von heute. Wir finden uns in einer skurrilen Fortsetzung des Kalten Krieges, durchzogen von verwirrender Zuneigung zwischen zwei Präsidenten, wieder. Ein Kauz, der nicht realistischer wirkt als viele Figuren Kings, droht wieder mit Atomwaffen. Und das Gefühl, dass das Zusammenleben kälter wird, ist weitverbreitet.

King lebt dieses Heute: Er ist fleißiger, mächtiger und mittlerweile von diesem geblockter Trump-Kritiker auf dem Sozialmediendienst Twitter. Trump sei ein "Fake President", schrieb King.

Und der Autor erlebt eine wahre Renaissance. Genau nach dieser Mischung aus einer etablierten Marke und dem heutigen Lebensgefühl suchen Hollywood und die Produzenten des neuen, aufwendigen Serienfernsehens. Gleich acht von Kings Werken wurden heuer für Leinwand bzw. Bildschirm umgesetzt, das erste erreicht Österreich diese Woche: "Der Dunkle Turm", Kings mäanderndes, sich an eingefleischte Fans wendendes achtbändiges Riesenwerk, wurde in einen Kinofilm destilliert.

Nur 18 Millionen Dollar nahm der Film zum US-Startwochenende ein. Das ist mager, wird aber den King-Festspielen keinen Abbruch tun. Bereits im September startet in den USA der erste Teil der "Es"-Neuverfilmung; damit kehrt der Schreckensclown Pennywise ("Wir alle fliegen hier unten") zurück. Nach der eher unfreiwillig komischen TV-Adaption aus den frühen 1990er Jahren wird es spannend zu sehen, wie Kings Kampf der Kinder-Freunde mit ihren inneren und äußeren Dämonen mit den Mitteln der heutigen Filmtechnik umgesetzt werden kann.

Und es gibt noch viel mehr: "Gerald’s Game" soll noch heuer auf Netflix zu sehen sein, schon diese Woche gibt es in den USA die TV-Verfilmung von "Mr. Mercedes", und die ist so nah an der heutigen Realität, dass sie entschärft werden musste: Das Buch (2014) startet damit, dass ein PKW in eine Menschenmenge rast; danach folgt ein Anschlagsversuch bei einem Popkonzert. Ebenfalls fürs Fernsehen neu aufbereitet: "The Mist".

Eine späte Erkenntnis geht mit dem King-Hype einher: Sein Horror ist, so widersinnig das erscheinen mag, letztlich optimistisch in Hinblick auf den Menschen. Er selbst bezeichnete sich als "romantischer Idealist". Und das ist etwas, das viele heute dringend suchen.