Stenvert: Schaukästen des Unbegreiflichen

Das Untere Belvedere zeigt die erste große Werkschau des österreichischen Avantgarde-Künstlers Curt Stenvert.

Diese Kunst packt den Besucher dort, wo es besonders weh tut. Das ist in diesem Fall: das Hirn. 

Bild: (Ausschnitt)
"Stalingrad oder: Die Rentabilitätsberechnung eines Tyrannenmordes", 1964 - 1967
Assemblage
Detail der Vitrine III Dieses wird gleich am Eingang zur Schau malträtiert: Tief sind die Injektionsnadeln in den Kopf einer kleinen Figur gerammt. Die trägt, wie der Künstler, eine Brille. Stenvert nannte die Assemblage "Wissenschaftlicher Selbstversuch".

Bild:
"Die sechsundvierzigste menschliche Situation: Meine (Situation) d.h. die des Curt Stenvert (Opus 247)", 1966
Assemblage
74 x 55 cm (Durchmesser) Doch damit fängt’s erst an. "Stalingrad oder: Die Rentabilitätsberechnung eines Tyrannenmordes" heißt das zentrale, drastische Werk im Schaffen des Österreichers. Ein Parcours an Vitrinen entlang, gefüllt mit den absurden Schrecken des Krieges: Ein Soldat, der das Hirn seines gefallenen Kollegen isst. Zur Arterhaltung. Und Hitlerpuppen, vor sich liegend die Hirne, die der "Führer" durch seine Befehle gefressen hat. Die letzte der Puppen: ein Wolf.

Bild:
"Stalingrad oder: Die Rentabilitätsberechnung eines Tyrannenmordes", 1964 - 1967
Assemblage
Detail der Vitrine III Das Anliegen des Werks ist keineswegs der Schock. Sondern ein Plädoyer für ein Leben in geistiger Freiheit. "Ermordet Diktatoren rechtzeitig!", schrieb Stenvert und stellte die durch Hitler verursachten Toten dem Tyrannen-Mord entgegen. 

Bild:
"Das Jahr des Kindes ist vobei!!! (Opus 747)", 1983
Assemblage
85 x 15 x 130 cm Kunst war für Stenvert (1920–1992, eigentlich: Kurt Steinwendner) ein soziales Medium, um gesellschaftliche Fragen auszuloten.

Bild:
"Wissenschaftlicher Selbstversuch, Opus 47", 1962
Öl auf Holz, Glas, Metall, Kunststoff
40 x 17 x 17 cm Er widmete sich dem Holocaust mit kompromissloser Schärfe: „Die einundzwanzigste menschliche Situation: Als junge Frau zu Seife verkocht werden“, heißt eine Arbeit. Auch mit dem neuen weiblichen Selbstbewusstsein, mit Studentenunruhen oder Bürgerprotesten setzte er sich in der gärenden Stimmung der 60er auseinander.

Bild:
"Die einundzwanzigste menschliche Situation: Als junge Frau zu Seife verkocht (Opus 163)", 1964
Assemblage
60 x 37 x 40 cm Viele der Arbeiten verbinden Schrift mit Puppen (für Stenvert waren diese Sinnbilder des Menschen), Plastiken, Gegenständen, Tierpräparaten.

Bild:
"Junge Witwe", 1971
Collage
25 x 25 cm Stenvert orientierte sich an Marcel Duchamp und war in verschiedenen Genres zu Hause: Filmemacher, Objektkünstler, Maler.

Bild:
"Die fünfundvierzigste menschliche Situation: Die Atelierausstellung Curt Stenverts vom 29. Jänner 1965 mit einer Krabbelstube der Funktionellen Kunst des 21. Jahrhunderts vergleichen (Opus 245)", 1965
Objektkiste/Deckelaußenseite
Assemblage
43 x 100 x 70 cm Er drehte den ersten Experimentalfilm Nachkriegsösterreichs ("Der Rabe", 1951). Bewegung spielte auch abseits des Filmes eine zentrale Rolle, etwa in "Der Violinspieler in vier Bewegungsphasen" (1947), einer frühen, einflussreichen Plastik.

Bild:
Arbeitsfoto während der Dreharbeiten zu "Wienerinnen" (rechts: Curt Stenvert), 1952 Insgesamt blieb er aber untergewürdigt, auch international war die Rezeption gemischt. Im Unteren Belvedere macht bis 15. Jänner nun die erste umfassende Werkschau ein hoch spannendes, emotional eindringliches, intelligentes und sehenswertes Werk erfahrbar. 

Bild:
Curt Stenvert mit einer Plexiglasplastik zur Kugel-Perspektive, um 1949 Nur der fetzige Ausstellungstitel „Neodadapop“ hat vielleicht ein kleines Manko – "Stenvert würde sagen, er sei keines davon", weder Dada noch Pop noch "Neo", sagt Kurator Harald Krejci. 

Info: Curt Stenvert-NEODADAPOP
bis 15. Jänner 2012
Unteres Belvedere, Wien

Bild:
"Regnen und Schirmen - ein Prozess", 1978 - 79
Öl auf Holzfaserplatte
68 x 150 cm
(KURIER) Erstellt am
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