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Kultur
05/25/2019

Spice Girls beim Tourstart in Dublin: Mehr Party als Konzert

Im Croke-Park-Stadion von Dublin starteten Scary-, Ginger-, Baby- und Sporty-Spice ihre erste Tour seit mehr als zehn Jahren.

Die Fahrradtaxi-Chauffeure auf der O’Connell Street im Herzen von Dublin sind heute umschwärmt wie nie. Sie lassen Hits wie „Wannabe“ und „Viva Forever“ aus Soundsystemen plärren, weshalb sich immer wieder Dutzende junge Mädchen um sie herum scharen, um eine Runde mitzusingen.

Es ist Freitagnachmittag, die Mädchen sind auf dem Weg zum Croke-Park-Stadion, wo die Spice Girls in wenigen Stunden ihre „Spice World 2019“-Reunion-Tour starten. Schon jetzt sind sie total aufgeregt – auch wenn viele von ihnen in der Glanzzeit der erfolgreichsten Girlband der Welt noch gar nicht dabei waren.

Die Euphorie um eines der schillerndsten Pop-Phänomene ist ungebrochen und hat auch schon die nächste Generation erfasst: 82.500 Leute haben Karten für dieses Auftaktkonzert in Dublin bekommen. 700.000 wollten welche.

Und das, obwohl Victoria Beckham fehlt. Sie will sich auf ihre Karriere als Modedesignerin konzentrieren: „Ich wünsche den Mädels ganz viel Liebe und Spaß auf dieser Tour“, sagte sie. „Ich weiß, sie werden eine fantastische Show auf die Beine stellen.“

Globus-Bühne

Das haben „Scary SpiceMelanie Brown, „Baby SpiceEmma Bunton, „Ginger SpiceGeri Horner und „Sporty SpiceMelanie Chisholm tatsächlich gemacht: Die Produktion ist exzellent.

Bestimmt wird die Bühne von einem dem „Spice World“-Logo nachempfundenen Globus, gebaut aus einem Gitter aus LED-Schirmen. Ebenso groß sind die Videowalls links und rechts von der Hauptbühne, die das Bühnengeschehen für jeden in dem riesigen Stadion gut sichtbar machen. Denn zu sehen gibt es viel. 20 Tänzer in den buntesten Kostümen tummeln sich gleich zu Beginn auf dem halbkreisförmigen Steg, der weit ins Publikum ragt. Für die erste Passage mit dem Opener „Spice Up Your Life“ und „Who Do You Think You Are“ unterstreichen die Tänzer mit dem Stil ihrer Outfits die Rollen der Girls. So wird „Scary Spice“ in ihrem Animal-Print-Catsuit von Tänzern in Animal-Print-Konstümen umschwirrt, während „Ginger Spice“ in ein an die britische Flagge erinnerndes königliches Kleid und „Sporty Spice“ in einen blauen Olympionikin-Zweiteiler gehüllt ist.

 

In der Folge gibt es unzählige Kostümwechsel: Die Spice Girls tragen schleierartige Abendkleider, oder hautenge Glitzer-Ensembles – alles bunt und auf den Spuren ihrer Glanzzeit, aber nie grell und übertrieben, sondern perfekt auf ihr jetziges Alter und das edle Gesamtbild abgestimmt.

Sympathisch auch, dass sich die Vier immer wieder Zeit für spaßiges Geplänkel nehmen, einander an die Zeiten des Kennenlernens erinnern, oder wegen des Alters necken. Und natürlich gibt es immer wieder die Botschaften von Girl Power: Frauen müssen einander unterstützen, lasst euch nicht unterkriegen und so weiter.

Coldplay-Effekt

Auch wenn das in Zeiten von #MeToo ein bisschen überholt wirkt, die Dublinerinnen (es sind kaum Männer da) lieben das. Sie feiern unbeirrt ihre ausgelassen Party, die dann noch von einem Effekt angefacht wird, den sich die Spice Girls von Coldplay abgeschaut haben: Am Eingang bekam jeder Zuschauer ein Armband, das vom Showregisseur gesteuert in verschiedenen Farben leuchtet. Neu bei dieser Show: Die Armbänder können auch für einen Teilbereich im Publikum eingeschaltet werden, was dann so aussieht als würde ein bunter Lichtschleier von links nach rechts übers Publikum ziehen.

Was bei der gelungenen Show und der Freude darüber, dass die Spice Girls zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder in Dublin auf der Bühne stehen, ein wenig untergeht, ist die Musik.

 

Ja, die Band ist gut, fast alles ist live gespielt und die Spice Girls singen auch live. Aber das war ja noch nie ihre große Stärke. Vor allem anfangs – vielleicht wegen der Tourstart-Nervosität – wirken die Stimmen schwach. Das bessert sich zwar mit Fortdauer der Show ein wenig, aber eine wirklich überzeugende Sängerin ist keine der vier. Jeder Ton wirkt einstudiert, jede Melodie ist ein Bemühen um Richtigkeit, nichts ist natürlicher Gefühlsausdruck, nichts kommt mit Leichtigkeit und Freude aus dem Bauch raus.  

So wirken Hits wie „Viva Forever“ oder „Too Much“ Wunder. Aber so rasend viele von solcher Ohrwurm-Qualität hatte das Quintett eben nicht. Songs wie „Love Thing“ oder „Do It“ sind lauer Gebrauchs-Pop, der den Mittelteil auffüllt. Der schönste Moment dabei ist, dass die Spice Girls zwischen durch „We Are Familiy“ von Sister Sledge anstimmen.

Außerdem wird die Show immer wieder mit Intermezzi gestreckt, bei denen Tänzer zu Klängen von live agierenden Streichern ballettartige Einlagen bringen, oder die Girls nur in Video-Einspielungen zusehen sind.

Keine Zugabe

Die besten Songs, „2 Become One“, „Stop“ und „Mama“ kommen zum Finale. Und dann – ohne Pause, das worauf alle gewartet haben: „Wannabe“, mit dem die Band 1996 in die Szene krachte und in 37 Ländern der Erde Platz eins der Charts eroberte. Zugaben gibt es keine. Danach kann nichts mehr kommen und muss es auch nicht. Die Show ist eine ansprechende, runde Sache – als riesige, ausgelassene Mädels-Party, nicht aber als Konzert.