Kultur
04.09.2018

Sophie Hunger: Dionysos-Fest für den Musik-Rausch

Die Musikerin erzählt im KURIER-Interview, wie sie zur elektronischen Musik kam und einen Lebensentwurf verlor.

Den Rausch der griechischen Dionysos-Feste hat sich Sophie Hunger für den kommenden Wien-Trip zum Vorbild genommen. Dabei wird die Singer/Songwriterin an drei aufeinander folgenden Abenden in drei verschiedenen Spielorten der Bundeshauptstadt auftreten. „Diese mehrtägigen Feste huldigten in der Antike dem Gott des Exzesses“, erklärt Hunger im KURIER-Interview. „Leider durften bei den Griechen Frauen, Kinder und Sklaven nicht dabei sein, obwohl sie der wichtigste Teil einer Gesellschaft sind. Ich dachte, das muss man korrigieren, will allen die Möglichkeit bieten, in einen Musik-Rausch einzutauchen.“

Bekannt wurde die aus Bern stammende Diplomaten-Tochter als Gitarristin und Pianistin, die in ihrem Sound Folkeinflüsse mit Jazz-Elementen verschmolz. Jetzt, für das eben erschienene siebente Album „Molecules“, hat Hunger die elektronische Musik für sich entdeckt, klingt darauf wie eine Mischung aus Portishead und Radiohead. Der Auslöser dafür: Vor vier Jahren zog Hunger – eigentlich der Liebe wegen – nach Berlin .

„Als ich ankam, habe ich schnell gemerkt, dass elektronische Musik der Sound dieser Stadt ist“, sagt sie. „Weil ich keine blöde Touristin sein, sondern mich assimilieren wollte, bin ich ins Berghain gegangen und war schnell davon angefixt.“

Traurig

„Molecules“ zu machen, war für die 35-Jährige trotzdem mit Mühen verbunden. Sie musste erst lernen, welche Geräte man braucht, und wie die Software zu bedienen ist. Dazu ging sie nach Los Angeles. Denn die Liebe, die sie nach Berlin holte, war da schon wieder zerbrochen.

Ein Umstand, der in vielen Songs seine Spuren hinterlässt. Traurig und intensiv singt sie davon, wie ihr Partner sich so von Depressionen vereinnahmen ließ, dass er darüber auch auf sie vergaß: „Mein Lebensentwurf, von dem ich dachte, er wäre für immer, war plötzlich auseinandergefallen. Es gab auch zwei kleine Kinder, somit habe ich jetzt auch Ex-Kinder. Schon alleine der Begriff ist scheußlich. Aber das ist noch einmal eine ganz andere Art von Trennung.“

Für die musikalische Umsetzung setzte sich Hunger bewusst Grenzen. „Ich wollte nur vier Elemente verwenden: Drum-Computer, die Berlin repräsentieren. Synthesizer als Symbol für Krautrock, den ich damals viel gehört habe. Die Gitarre steht für meine Vergangenheit, meine Gesangsstimme für meine Seele. Derart dogmatisch vorzugehen, war super für mich. Denn ich kann mich schnell verzetteln und in zu viele Richtungen gehen.“

Verschleiert

Sprachlich konzentriert sich Hunger, die früher auch auf Deutsch und Französisch sang, jetzt auf Englisch . „Weil elektronische Musik auch ein bisschen kalt sein kann, konnte ich es mir erlauben, in den Texten emotionaler zu sein. Die sind nicht mehr so verschleiert wie früher.“

Bei den Konzerten wird die Schweizerin allerdings Songs aus allen Phasen ihres Schaffens spielen, um den Musik-Rausch zu erzielen: „Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit dem Publikum aus dem Leben, das manchmal ziemlich blöd sein kann, zu fliehen, und es – für einige Momente – zu übertreffen.“

INFO:  Sophie Hunger live in Wien:

11. 9. Grelle Forelle

12. 9. Arena

13. 9. Porgy & Bess (ausverkauft).

Karten: www.oeticket.com