Kultur
29.05.2018

"Sex ist immer gruselig, in jedem Alter"

Die 75-jährige US-Psychiaterin Arlene Heyman debütierte mit Kurzgeschichten über eine schöne Beschäftigung ...

Der erste Satz der ersten Erzählung, die die New Yorker Psychiaterin und Psychoanalytikerin Arlene Heyman geschrieben hat, lautet:
„Hast du Lust, mit mir zu schlafen?“
Der Mann, der das sagt, ist 71. Stu ist sein Vorname. Er wird Viagra nehmen und warten, auch seine Frau Marianne braucht noch etwas Zeit. Alles muss geplant werden, die Ausrüstung muss in gutem Zustand sein, Spontanität? War einmal – Marianne hat nach dem Essen Säurereflux und muss deshalb noch eine dreiviertel Stunde aufrecht sitzen, bevor ...
Klettert Stu zu ihr ins Bett, wird sie ihn betrachten und zum Ergebnis kommen:  „... jede Falte so deutlich sichtbar, als wäre er einem Bild von Lucian Freud entsprungen.“
Niemandem über 40, so scherzt sie, sollte Sex bei Tageslicht gestattet sein.
In ihrer Fantasie wird Marianne an ihren verstorbenen ersten Ehemann denken. Dessen Penis war größer und nicht so grau.

„Scary Old Sex“ heißt das Buch, das zurzeit um die Welt geht gewissermaßen. Der Titel wurde nicht übersetzt. Scary =  unheimlich.
Die Autorin Arlene Heyman ist selbst über 70. Es ist ihr literarisches Debüt und ein Anliegen: „Alte Leute sind wie du – nur älter.“
Eine Studie der Universität in Manchester ergab kürzlich, dass mehr als ein Drittel der über 70-Jährigen sexuell aktiv sind.
Arlene Heyman lässt deshalb in Interviews immer den Satz fallen: „Sex ist immer gruselig, in jedem Alter.“ Warum? Weil man  ganz sich selbst ist. Fürchten muss man ihn allerdings nicht, die Frauen und Männer seien aufs Schönste  beschäftigt.
Das beschreibt sie in ihren kurzen Erzählungen. Und scheut – hier jetzt keimfrei formuliert – keine  gängigen Bezeichnungen gewisser Körperregionen bzw. schildert genau gewisse Tätigkeiten und Träume.
Nach verlogenen Szenen in „Fifty Shades“ ist es FAST eine Wohltat zu lesen, dass „er“ zu früh kommt und „ihr“ dichter Haarbusch dahingegangen ist.
Arlene Heyman – zwei Ehen, zwei erwachsene Söhne – war vor rund 50 Jahren die Geliebte von Bernard Malamud (1914–1986), neben Bellow und Roth der bedeutendste jüdisch-amerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Sie war damals 19, er um 25 Jahre älter (und ihr Lehrer am Bennington College in Vermont), und  davon handelt jetzt eine ihrer sieben komischen, ernsten Geschichten ... Zitat:
„Die hier – und die hier –“ Er drückte ihr einen schmatzenden Kuss auf jede Brust – „sind barmherzige Kissen für meinen knochigen Leib!“
Malamud war verheiratet, die Affäre wurde zur lebenslangen Freundschaft. In ihren Dankesworten am Ende von „Scary Old Sex“ schreibt Heyman, er sei „wie ein Klima“ für sie gewesen.
Ein schöner Nachruf ist dieses wichtige Buch also auch noch.

 

Arlene
Heyman:

„Scary Old Sex“
Übersetzt vonCornelia
Holfelder-von der Tann.
btb.
288 Seiten.
26,99 Euro.

KURIER-Wertung: ****