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Literatur
01/06/2019

Sein neuer Roman: Michel Houellebecq versteckt die Liebe

„Serotonin“ ist vulgär, unmoralisch, sexistisch, unappetitlich, immer unkorrekt – und zart.

von Peter Pisa

Redet Michel Houellebecq (Foto oben), so ist es schwierig, etwas Klares, ehrlich Gemeintes zu hören. Zuletzt hat er auf  Präsident Trump ein Loblied gesungen – und hat ihn auch „Clown“ genannt  und eine „notwendige Qual für die Amerikaner“. Was jetzt?
Hingegen: Schreibt Houellebecq, wird er deutlich und deutlich antiliberal. 2015, im Roman „Unterwerfung“, bezeichnete er den Islam als „die bescheuertste aller Religionen“. Punkt.
„Sind Sie ein Provokateur?“, ist er im französischen TV gefragt worden.
 – „Wenn ich mich langweile.“

Verwechslungen

Sehr gelangweilt hat er sich nicht, als er „Serotonin“ schrieb – den finsteren Roman, der am vergangenen Freitag in Frankreich mit 320.000 Exemplaren startete und am Montag, 7. Jänner 2019, auf Deutsch in den Handel kommt (80.000 Exemplare).
Serotonin“ schimpft auf die EU, das schon, und Frauen haben stets für Sex bereit zu sein – trotzdem ist das Buch Medizin gegen hart gewordene Herzen. Verabreicht ausgerechnet von  Houellebecq. Und es ward  sehr gut ...
Man muss aufpassen, den 62-Jährigen  nicht mit seinen „Figuren“ – aktuell
 mit der 46-jährigen männlichen Frustbuchtel Florent-Claude zu verwechseln.
 Muss man?  Es fällt von Mal
 zu Mal schwerer. Wetten, dass Houellebecq NICHT
 Le Pen wählt, werden nicht angenommen.
Jedenfalls ist  Florent-Claude ein Unsympathler. Schwulenfeindlich, sexistisch – der Kerl trennt nicht einmal  seinen Mist.
Er ist der Erzähler. Aus einer nahen Zukunft redet er zu uns. Als ehemaliger Berater des Landwirtschaftsministers redet er vom Niedergang  der Milchbauern, jede Woche 100 Konkurse, alles – sagt er – wegen der EU-Reglementierungen; und er beobachtet, wie Bauern mit Blockaden den Verkauf brasilianischer Milch verhindern... den es jetzt nicht gibt. Houellebecq malt schwarz.

Kein Rohrreiniger

Darauf stürzen sich französische Medien:  Der Schriftsteller habe die Gelbwesten-Proteste vorausgesehen!  „Serotonin“ war   vorher fertig.
Prophet Houellebecq? Als ob Franzosen nie auf die Straße gegangen sind ...
Dadurch tritt in den Hintergrund, wie nah er diesmal der Liebe kommt. Daran kann  nicht einmal  Vulgärsprache etwas ändern.
Florent-Claude läuft seiner chinesischen Lebensgefährtin davon. Sie hatte  ihre Hundeliebe übertrieben und sich mit dem Dobermann filmen lassen. (Lustig: Houellebecq heiratete kürzlich eine Frau aus Schanghai.)
Nun schluckt er  neue Antidepressiva – mit Serotonin, dem Glückshormon. Funktioniert nicht. Immerhin trinkt er, als Ende, keine Flasche Rohrreiniger ex.
Er forscht nach der einzigen Frau, die er je geliebt hat. Camille. 20 Jahre ist es her. Sie lebt ohne Mann, hat aber einen Sohn. Soll Florent-Claude den Vierjährigen erschießen, um den Lauf der Dinge radikal zu ändern?
Sich über Houellebecq und „Serotonin“ wundern: ja.
Sich ärgern: unbedingt!
Aber lesen.

 

Michel
Houellebecq:
Serotonin
Übersetzt von
Stephan Kleiner.
DuMont Verlag.
336 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Zur Person: Der Aufregerautor

Michel Houellebecq, der eigentlich Michel Thomas heißt, ist ein 1956er-Jahrgang. Vielleicht auch ein 1958er. Darüber herrschte Streit mit seiner Mutter –  die ihn Hochstapler und Nichtsnutz nannte.  Als diplomierter Landschaftsingenieur widmete er sich ab 1991 ganz dem Schreiben. Die Romane „Ausweitung der Kampfzone“
 und „Elementarteilchen“ machten den Franzosen berühmt – und zum ständigen Aufreger.

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