Schöne neue Welt - von Aldous Huxley

Aldous Huxley (1894 - 1963): „Wie wäre es, wenn ich könnte, wie ich wollte; wenn ich frei wäre, nicht mehr der Sklave meiner Normung?“ „Sigmund, du sagst<br />
so grauenhafte Sachen.“
Foto: APA

In dem visionären Roman beginnt die Zeitrechnung mit dem Fordismus, der den Beginn einer utopischen Weltgesellschaft darstellt.

Drei große Visionen einer totalitären Zukunft wurden zu Klassikern: Ray Bradburys "Fahrenheit 451" von 1953, George Orwells im Jahr 1949 veröffentlichtes "1984" und schließlich, als Erstes in der zeitlichen Abfolge, der schon 1932 erschienene Roman "Brave New World" von Aldous Huxley. Diese Bücher erzählen von möglichen Welten, von der vollkommenen Beherrschung des Menschen durch Staat und Behörde. Und sie sollten immer wieder gelesen werden mit der Frage im Hinterkopf: Wie viel davon ist Wirklichkeit geworden? Die (heute) modernen Informationstechnologien - die sich zugleich als Überwachungsinstrumente eines übermächtigen Staates einsetzen ließen - konnte sich vermutlich nicht einmal Huxley vorstellen.

Nur die wenigsten Autorinnen und Autoren schaffen es, eine Utopie oder ihr Gegenteil (die sogenannte Dystopie) zu schreiben und dabei auch noch gute Literatur zu produzieren: Zu oft wirkt eine glückliche, ideale Welt - also eine Utopie - nur langweilig. Auch eine Anti-Utopie braucht als Story eine Menge Vorlauf: Schließlich muss die versklavte Gesellschaft erst beschrieben, die Unterdrückungsmechanismen erklärt und eine Figur eingeführt werden, die sich gegen eben dieses System auflehnt. Aldous Huxley aber umschifft das Beschreibungsproblem bravourös: Das Prinzip "Show it, don`t tell it!" vorwegnehmend, zeichnet er in den ersten zwei Kapiteln seines Romans eine Gruppe Studenten, die vom Direktor selbst durch eine "Brut- und Normzentrale" geführt werden. Mehr braucht er nicht, um die Horrorvision von künstlicher Befruchtung zu zeigen, von Embryonen in Flaschen, die nicht geboren, sondern "entkorkt" werden. Der Direktor stolziert durch die Fabrik, erklärt die Zucht und Aufzucht der Menschen im Jahr 623 nach Ford. Und die Studenten schreiben eifrig mit, wiederholen die Sätze ihres Mentors und stellen dumme Fragen. Eine großartige Szene. 623 nach Ford - gemeint ist tatsächlich der Gründer der Ford Motor Company, Henry Ford, geboren 1863. In Huxleys Welt ist er zum Gott geworden - verdankt die Gesellschaft ihm doch die erste Fließbandfertigung für Pkw, eine Revolution der industriellen Produktion. Das Jahr Null wird mit 1908 festgesetzt: Der erste Ford T lief damals vom Band.

Aldous Huxley (1894 - 1963): „Wie wäre es, wenn ich könnte, wie ich wollte; wenn ich frei wäre, nicht mehr der Sklave meiner Normung?“ „Sigmund, du sagst<br />
so grauenhafte Sachen.“ Foto: APA Aldous Huxley (1894 - 1963): „Wie wäre es, wenn ich könnte, wie ich wollte; wenn ich frei wäre, nicht mehr der Sklave meiner Normung?“ „Sigmund, du sagst
so grauenhafte Sachen.“

Umgerechnet in unsere Zeitrechnung spielt Huxleys Geschichte demnach im Jahr 2540: Nach einem Krieg sind die Menschen in einem Weltstaat zusammengefasst, vermehren sich nicht mehr auf natürliche Weise, sondern werden in "Brut- und Aufzuchtszentren" produziert. Bereits der Fötus bekommt seine spezielle Kaste zugewiesen, die von den "Alphas" bis zu den "Epsilons" reicht. Letzteren dreht man in der Flasche frühzeitig den Sauerstoff ab, so dass ihre Intelligenz niedrig bleibt und sie zu Arbeiterdrohnen macht. Sind sie "entkorkt", werden die Babys indoktriniert: Man gibt ihnen Bücher und Blumen in die Hand und lässt Stromschläge folgen: "Ihr ganzes Leben", erklärt der Direktor seinen Studenten stolz, "sind sie gegen Druckerschwärze und Wiesengrün gefeit." Und beim Lesen laufen einem kalte Schauer den Rücken hinunter. Im Schlaf wird den Kleinkindern das Kastenbewusstsein eingeimpft. Endlos laufen die Bänder: "Nein, ich mag nicht mit Deltakindern spielen. Und Epsilons sind noch schlimmer. Sie sind zu dumm zum Lesen und Schreiben. Oh, wie froh bin ich, daß ich eine Beta bin!"

"Schöne neue Welt" funktioniert auch heute noch bestens - und man schließt sich "dem Wilden" an, der aufbegehrend ruft: "Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!"

(kurier / Johanna Rachinger) Erstellt am
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