24 Szenen in der Filmausstellung im Girardipark am Karlsplatz: Orson Welles in „Der Dritte Mann“, 1949

© Werner Rosenberger

Kultur
06/24/2019

Schieber-Drama im Bauch von Wien

Der dritte Mann. Zum Jubiläum „70 Jahre Filmpremiere“ eine Ausstellung, eine App und ein Museum mit Raritäten

von Werner Rosenberger

„Der dritte Mann“, von Carol Reed in nur fünf Wochen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gedreht: Der Thriller zeigt in schrägen Kamerabildern und expressionistischen Licht-und-Schatten-Perspektiven das dunkle, vom Krieg verwüstete Wien in einer bedrückenden Atmosphäre von Besetzung und Unsicherheit, von Not und Nachkriegsunmoral, wie es vorher auf der Leinwand nicht zu sehen war.

Ein Welterfolg. Im Jahr 2000 vom Britischen Film-Institut zum besten Film des 20. Jahrhunderts gewählt.

Das Riesenrad im Prater und die Wiener Kanalisation, Orson Welles als zwielichtiger Penicillin-Schieber Harry Lime und die eindringliche Zithermusik von Anton Karas faszinieren bis heute.

Vor 70 Jahren, am 2. September 1949, war die Weltpremiere im Londoner Victoria Kino, am 10. März 1950 Kino-Start in Österreich.

Attraktion Kanalisation

Zu den Originalschauplätzen der Dreharbeiten unter dem Karlsplatz geht’s im Girardipark am Karlsplatz: Die Kanalführungen (Do-So 10 bis 20 Uhr, zu jeder vollen Stunde) sind seit zwölf Jahren mit mittlerweile 18.000 Besuchern jährlich ein Hit.

„Was man in Tirol macht mit James Bond, machen wir mit dem Film ,Der dritte Mann’. Das ist bereits ein Schwerpunkt des Wien-Tourismus neben Albertina und Schönbrunn“, sagt Josef Gottschall von Wien Kanal im KURIER-Gespräch.

Der Weg in den Bauch von Wien, wo „es riecht aber nicht stinkt“, so Gottschall, führt dabei vis-à-vis vom Café Museum über die Original-Filmtreppe hinunter in einen der ältesten Teile der Kanalisation, in die um 1830 errichteten und bis heute fast unveränderten „Cholerakanäle“.

Gleich daneben erzählt eine Freiluft-Foto-Ausstellung mit den 24 wichtigsten Szenen die Geschichte des 104 Filmminuten langen Schwarzweiß-Klassikers.

Audio-Guide als App

Neben Kurztextinfos auf Tafeln gibt es auch einen Audio-Guide für das eigene Smartphone zur Ausstellung (verfügbar als kostenlose App von Hearonymus für iOS und Android unter dem Link https://direct.hearonymus.com/ guide/748).

„Von unseren mittlerweile rund 700 Guides sind mehr als 600 Apps gratis“, sagt Hearonymus-Geschäftsführer Peter Grundmann. „Gratis immer dann, wenn etwas möglichst viel Verbreitung haben soll, was g’scheit, gut und sinnvoll ist.“ So bietet das Leopold Museum gegen eine kleine Gebühr Audio-Guides an, solange die Ausstellungen laufen. Danach sind sie gratis bei Hearonymus abrufbar.

Das 3. Mann-Museum

Ein Muss für Cineasten und ein Türöffner zur Wiener Nachkriegsgeschichte ist das Dritte Mann Museum (4., Pressgasse 25): Unter den mehr als 2000 Original-Exponaten befindet sich neben zahlreichen Filmrequisiten, Drehbüchern, Kameras und Fotos auch die Zither von Anton Karas, der die Filmmusik komponierte und einspielte.

Zusammengetragen hat die Schätze der passionierte Sammler und Museumsdirektor Gerhard Strassgschwandtner: „Glanzstücke sind unter anderem zwei kleine Kameras, die ich ersteigern konnte, und die damals bei den Dreharbeiten in Wien für Trickaufnahmen verwendet wurden; außerdem das Drehbuch mit Anmerkungen von Trevor Howard, der den britischen Major Calloway gespielt hat, und einen umfangreichen Briefwechsel von Graham Greene.“

Wie Sammeln zur Obsession werden kann, erklärt der Spezialist für das Wien der Nachkriegszeit: „Spannend ist oft, wie ich zu den einzelnen Exponaten gekommen bin. Ich hänge sehr an den Dingen und bin froh, dass ich das eigene Museum ohne Subventionen gegen jede Vernunft und alle Warnungen doch durchgezogen habe.“

Ein besonderer Moment im Film ist ein von Orson Welles spontan bei den Dreharbeiten improvisierter Text, den der Schwarzmarkthändler Harry Lime beim Riesenrad im Praters spricht:

„In den 30 Jahren unter den Borgias gab’s nur Krieg, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab’s Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!“

Die Vereinigten Bühnen Wien haben sich 2013 die Rechte zu einer Musicalversion von „Der dritte Mann“ gesichert. Aber zu mehr als Ankündigungen der Uraufführung ist es bislang nicht gekommen.www.3mpc.net

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www.drittemanntour.at