Kultur
27.09.2018

Burgschauspieler Ignaz Kirchner gestorben

Der Kammerschauspieler hat sich in unzähligen Rollen in das kollektive Gedächtnis der Wiener Theaterbesucher gespielt.

Der Burgtheaterschauspieler Ignaz Kirchner ist tot. Der Kammerschauspieler erlag 72-jährig einer langen Krankheit, gab das Burgtheater bekannt.  Kirchner spielte seit 1987 am Wiener Burgtheater.

Biografie

Er hat sich in unzähligen Rollen in das kollektive Gedächtnis der Wiener Theaterbesucher gespielt: Ignaz Kirchner. Über seinen Beruf sagte er einmal selbstironisch: „Wäre ich intellektueller, so wäre ich doch kein Schauspieler geworden!“

Kirchner, der 1946 in Wuppertal als Hanns-Peter Kirchner geboren wurde und sich später nach dem hl. Ignatius benannte, wuchs in einem außergewöhnlichen familiären Umfeld mit zwei homosexuellen Eltern auf und absolvierte nach seinen Jahren in einem Vorarlberger Jesuiten-Internat zunächst eine Buchhändlerlehre, bevor er in Bochum seine Schauspielausbildung begann. „Auf der Schauspielschule war ich relativ dick. Ich fand das toll, so war man etwas Besonderes“, sagte er einmal zum „profil“. Die Lehre habe er gemacht, um in einen sicheren Beruf zurückkehren zu können, falls es mit der Schauspielerei nicht klappen sollte. Der Erfolg stellte sich jedoch rasch ein und Kirchner spielte unter anderem an der Freien Volksbühne Berlin, bevor ihn Claus Peymann nach Stuttgart holte, wo er bis 1978 zum Ensemble gehörte. In Bremen feierte er 1981 unter der Regie von Jürgen Gosch als „Hamlet“ große Erfolge, die „Zeit“ schrieb damals etwas skeptisch: „Der etwas dickliche Ignaz Kirchner schleicht als Repräsentant der Turnschuh-Generation über die Bühne.“

Ignaz Kirchner in ausgewählten Rollen

1/7

"DANTONS TOD"

"DIE MACHT DER FINSTERNIS"

"DIE HAMLETMASCHINE"

"TORQUATO TASSO"

"DER ANATOM"

"ELISABETH II"

"ROBINSON CRUSOE"

Im Anschluss wechselte Kirchner an die Münchner Kammerspiele, wo er mit Regisseuren wie Dieter Dorn und Thomas Langhoff arbeitete. Mitte der 1980er verschlug es ihn schließlich nach Köln ans Schauspielhaus, wo er u.a. unter der Regie von Jürgen Flimm in Tschechows „Kirschgarten“ auftrat. 1987 markierte schließlich seinen Umzug nach Wien, wo Peymann ihn ans Burgtheater engagierte. Dort spielt Kirchner - mit kurzen Unterbrechungen - bis heute. Sein Debüt feierte er dort als Schlomo Herzl in George Taboris Uraufführung von „Mein Kampf“. Damals kam er auch gleich erstmals mit der damals nicht vorhandenen NS-Aufarbeitung der Bevölkerung in Berührung - er erhielt per Post einen Scheißhaufen, wie er mehrfach in Interviews erzählte.

Eine seiner bekanntesten Rollen war der Jago bei Tabori

Auch mit Langhoff arbeitete Kirchner in Wien wieder zusammen, etwa in der Titelrolle von Heiner Müllers Sophokles-Bearbeitung „Ödipus, Tyrann“. Unter Peter Zadek spielte er in Tschechows „Ivanov“, über ihn sagte Kirchner einmal in der „Welt“: „Er hatte eine große Menschenkenntnis und konnte Menschen wirklich kaputt machen“, er selbst habe jedoch einen Weg gefunden, mit Zadek umzugehen. Zu einer seiner bekanntesten Rollen an der Burg gehört nach wie vor sein Jago in Shakespeares „Othello“, den Tabori 1990 inszenierte. Kirchners lange künstlerische Zusammenarbeit mit Gert Voss wurde 1991 gewürdigt, als beide für ihre Darstellungen in TaborisGoldberg Variationen“ von der Zeitschrift „Theater heute“ zum Schauspielerpaar des Jahres gewählt wurden.

Als Erfinder der Konstellation Kirchner/Voss gilt Zadek, der die beiden 1988 für seinen „Kaufmann in Venedig“ besetze. Laut Kirchner habe der Regiemeister damals gesagt: „Ich habe den Voss als Shylock besetzt, weil der Voss könnte auch gut als Nazi durchgehen. Und den Kirchner, der könnte auch so ein Jude sein. Der spielt den Antonio.“ Wie Kirchner einmal in einem „Welt“-Interview verriet, sei Voss zwei Wochen lang sauer gewesen.

Für kurze Zeit verließ Kirchner Wien, um in der Saison 1992/93 am Deutschen Theater Berlin zu spielen, wo er wieder mit Langhoff und Gosch zusammenarbeitete. Unter der Regie von Jürgen Flimm spielte er anschließend am Hamburger Thalia Theater den Zettel in Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ und die Titelrolle in Molieres „Tartuffe“. Bereits 1997 trat Kirchner wieder ins Burgtheater ein, wo er auch immer wieder mit Gert Voss auf der Bühne stand, etwa in Neil SimonsSunshine Boys“, in Becketts „Endspiel“ oder Genets „Die Zofen“.

Soloprogramme

In mehreren Soloprogrammen bot er dem Publikum etwa Robert Walsers „Der Spaziergang“, Wilhelm Reichs „Rede an den kleinen Mann“ oder Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ dar. Unter Matthias Hartmann stand er in der Regie des Ex-Burgtheaterdirektors in „Warten auf Godot“ sowie „Krieg und Frieden“ auf der Bühne. Neben bereits genannten Regiegrößen scheut Kirchner jedoch auch nicht die Arbeit mit Stars der jüngeren Generation: So arbeitete er nicht nur mit Rene Pollesch, sondern auch Antu Romero Nunes („Die Macht der Finsternis“).

Seine jüngste Rolle war Gerbermeister Morten Kiil in „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen in der Regie von Jette Steckel.

Seine Ausflüge vor die Kamera blieben - anders als bei weiteren Burg-Kollegen - eher rar. Unter der Regie von Leander Haußmann drehte er „Sonnenallee“ (1999), „NVA“ (2005) und „Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!“. Zu seinen Auszeichnungen zählen die Kainz-Medaille der Stadt Wien (1991), das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (2004) sowie Nominierungen für den Nestroy-Theaterpreis.