Kultur
01.05.2018

Samuel Beckett: Deshalb war "Warten auf Godot" möglich

Der Roman „Ein Ire in Paris“ sorgt dafür, dass man den Dichter noch mehr bewundert.

An einem prächtigen Tag soll Samuel Beckett (1906–1989) auf die Frage, ob er glücklich sei, am Leben zu sein, geantwortet haben:
„So weit würde ich nicht gehen ...“
Vielleicht wollte er einen Witz machen. Er war ja – auch – komisch.
Wahrscheinlich stimmt die Anekdote aber gar nicht. Es wurde so viel Falsches über Beckett gesagt und geschrieben. Das fing schon mit der Schwedischen Akademie an, die 1969 die Nobelpreisvergabe an ihn begründete: Mit seiner Dichtung habe er  die Verlassenheit des modernen Menschen  in „künstlerischer Überhöhung“ gezeigt.

Samuel Beckett versteckte sich monatelang in Nordafrika. Den Preis nahm er nicht persönlich entgegen. Das Geld verschenkte er … obwohl er selbst wenig hatte.
Nicht nur der Rummel um seine Person nervte. Beckett und Überhöhung!
Sabotage!
„Nur“ minimalistische, aber fundamentale Klänge wollte er produzieren. Nur dafür übernahm der Ire die Verantwortung.
Je mehr man sich auf  ihn einlässt, desto größer wird die Bewunderung. Für sein Werk und, das vor allem, für sein Menschsein. Sein Feind war die Oberflächlichkeit. Waren Quatschköpfe.
Biograf James Knowlson hat mit Klischees aufgeräumt. Beckett war scheu, aber nicht einzelgängerisch, er hatte viele Freunde. Er war lebensbejahend, Sport und Musik bereiteten ihm Freude. Knowlson machte auch die Rolle des  noch unbekannten Dichters im Zweiten Weltkrieg  bekannt.
Samuel Beckett verließ Irland und ging nach Paris, um atmen und schreiben – und sich im Widerstand nützlich machen zu können. Das war ihm wichtig. (Zuerst aber rammte ihm auf der Straße ein Unbekannter  sein Messer in die Brust, ohne Motiv, einfach so. Beckett war damals Anfang 30.)

Der empfehlenswerte, neue, biografische Roman „Ein Ire in Paris“ von Jo Baker beleuchtet die Jahre bis 1946, in denen er  Hunderte Beobachtungen zusammenfasste,  analysierte – Truppenbewegungen, Schiffs- und Eisenbahnverkehr betreffend.
Seine Berichte gingen nach London.
Ein geldgieriger katholischer Priester verriet die Pariser Zelle der britischen Spezialeinheit. Viele Freunde Samuel Becketts kamen deshalb  ins KZ, ihm und seiner spätere Ehefrau  Suzanne Dechevaux-Dumesnil gelang die Flucht nach Südfrankreich … wo man auf ein Ereignis wartete – aufs eigene Ende? Das Ende Hitlers?
„Ein Ire in Paris“ erzählt vom Mut und vom Anstand eines Menschen, der nach den Kriegserfahrungen dazu fähig war, die fundamentalen Klänge  „Warten auf Godot“ (1952) zu dichten.
Einst hatte ihm sein berühmter Landsmann James Joyce, auf Durchreise in Paris, einen Wintermäntel geschenkt. Es hätte Beckett nichts ausgemacht, bloß derjenige zu sein, der das abgetragene Zeug eines großen Mannes tragen durfte.

 

 


Jo Baker:
„Ein Ire in Paris
Übersetzt von
Sabine Schwenk.
Knaus Verlag.
352 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern