© Johannes Tichy

Literatur
06/30/2018

Roman über ein Foto aus der Nationalbibliothek

Wer war der Mann mit der Hakenkreuzarmbinde? Georg Thiel und "Jud".

von Peter Pisa

 Die Fotografie liegt in der Nationalbibliothek: Ein Bub muss niederknien und, umringt von Schaulustigen, auf eine Hausmauer in der Wiener Heinestraße groß das Wort „Jud“  malen. Der Mann mit Hakenkreuzarmbinde passt auf, dass er nicht davonläuft.

Der Roman „Jud“ macht sich viele Jahre später auf die Suche nach diesem Nazi. Der Mann war – tatsächlich Volksschullehrer?
 Es ist ein Buch, bei dem man sich – trotz überlangen Vorspiels – freut, ihn in der Menge entdeckt zu haben.
Der Wiener Georg Thiel (Bild oben) bedient sich eines wenig erfolgreichen Fotografen, der in Manchester lebt und 1958 dienstlich zur Weltausstellung nach Brüssel fährt. Im Österreich-Pavillon hört er Schuberts „Winterreise“ – „Fremd bin ich eingezogen / Fremd zieh ich wieder aus.“
Seine Mutter hat es oft gesungen. Er bricht zusammen und besinnt sich endlich, dass er ein gebürtiger Wiener ist, dass ihn ein Kindertransport nach England gerettet hat. Um im Leben willkommen zu sein, stellt er sich Vergangenem, und Georg Thiel gibt allen Lesern mit:
Es mag ja sein, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt, „aber er hat einen schlechten Stil.“

 


Georg Thiel:
„Jud“
Verlag
Braumüller.
220 Seiten.
22 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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