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Literatur
04/06/2019

Roman über die Rebellion der Frauen, die miteinander reden

Die Kanadierin Mriiam Toews schrieb "Die Aussprache" über die jahrelangen Vergewaltigungen in einer christlichen Männergesellschaft.

von Peter Pisa

„Die Aussprache“ hat wenig Handlung.
Acht Frauen reden miteinander. Sie diskutieren zwei Tage lang, ob sie
a) nichts unternehmen sollen, bloß still sein und verzeihen – der Prediger sagt, nur dann kommen sie ins Himmelreich. Oder ob sie
b) in der Gemeinde bleiben und gegen die Männer aufbegehren sollen. Oder
c) sie verlassen das Dorf, da gehört größter Mut dazu, und hoffen, sich in der anderen, in der bisher für sie verbotenen Welt halbwegs zurechtzufinden.

Für Rinder

Andererseits: „Die Aussprache“ ist Action. Denn es kommt – bei gewissen Männern – einer Rebellion gleich, wenn sich Frauen heimlich auf einem Heuboden im Ort zusammen setzen.
Ein Mann, ein ehemaliger Lehrer, führt als ihr Vertrauter  Protokoll. Frauen dürfen dort nämlich nicht schreiben lernen.
Der Roman der Kanadierin Miriam Toews - Foto oben - kommt zur rechten Zeit. Ganz allgemein ist er Antwort auf Missbrauch, der in geschlossenen patriarchalischen Gesellschaften oft geschehen ist.
Speziell gilt ihre Antwort den   christlichen  Mennoniten, von denen ein Teil im trockenen südlichen Bolivien Kolonien gründete (und Plattdeutsch spricht).
Es gibt weltweit aufgeschlossene Mennoniten, aber in ultra-entrückten  Mennoniten-Dörfern ist alles verboten, was von Gott ablenkt. Musik, Bücher,  Radio hören, Auto fahren, Fußball spielen ...
Bolivianische Mennoniten gerieten 2009 in die Schlagzeilen: Jahrelang waren Frauen – auch Mädchen, Kinder, aktenkundig sind 130 Opfer  – nachts immer wieder vergewaltigt worden: Mit einem Spray, den der Tierarzt bei Rindern verwendet, wurden sie betäubt.
Am nächsten Morgen klagten sie über Schmerzen, sie bluteten. Aber in der 2500-Seelen-Gemeinde hieß es, das seien „wilde Weiberfantasien“, vielleicht Dämonen.
Bis man einen Vergewaltiger auf frischer Tat ertappte und letztlich acht Männer an die Justiz auslieferte (je 25 Jahre Haft).
In der Scheune wird behutsam aufgearbeitet;  und ein entscheidendes Wort wird kennengelernt, das wider Erwarten nicht der Name einer  unbekannten Gemüsesorte ist: Kollektiv.
Eine Verbrechensgeschichte ist das, kunstvoll  in Form gebracht, mit schwarzem Humor angereichert (als Therapie), aber sie bleibt immer, was sie ist. Ein Schrei des Entsetzens.
Miriam Toews wurde in einer kanadischen Mennonitengemeinde geboren. Sie ging fort, als sie 18 war.
Sie sagt: „Ich hätte eine dieser Frauen sein können.“


Miriam Toews: „Die Aussprache
Übersetzt von
Monika Baark.
Verlag
Hoffmann und Campe.
256 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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