"Reise" ohne Wiederkehr im Volkstheater

Jacqueline Kornmüller lässt im Volkstheater 30 Migranten und Migrantinnen aus ihrem Leben erzählen. Es ist ein Abend mit viel Leben und wenig Theater.

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Ganz so harmlos ist das Konzept von Jacqueline Kornmüller für ihr Projekt "Die Reise", das am Freitag im Volkstheater uraufgeführt wurde, allerdings nicht. Denn die 30 Männer, Frauen und Kinder, die von ihr in langen Interviews gecastet wurden, haben außergewöhnliche, anstrengende, oft auch lebensgefährliche Reisen hinter sich. Reisen ohne Wiederkehr. Sie sind in Österreich geblieben. Und erzählen darüber, was sie von daheim vertrieben hat und wie sie hierzulande empfangen wurden. Ein Abend voller Wahrhaftigkeit, der tief ins Herz schneidet und lautstark bejubelt wurde. Es ist ein buntes Bild, das sich am Anfang der "Reise" bietet. In einer einfachen, goldenen Theater-Box mit fahrbarer Rückwand stellen sich die Mitwirkenden in einer Reihe nebeneinander auf: Menschen aus 20 Nationen, junge Männer aus Afghanistan, dem Balkan oder Somalia, Frauen aus Tschetschenien, Südamerika, Osteuropa oder dem Iran. Es beginnt mit langen, gegenseitigen Umarmungen. Doch die Befürchtung, der Abend könne seine völkerverbindende, friedensstiftende Ambition nicht nur behutsam, sondern auch allzu betulich entfalten, bewahrheitet sich in den kommenden zwei Stunden glücklicherweise nicht. Unübersehbar ist, dass sich in der langen Probenarbeit ein warmes Gemeinschaftsgefühl in dieser heterogenen Gruppe ergeben hat, und die zarten, gemeinsamen Choreographien, die Kornmüller zu eingespielter Musik von Schubert bis Tom Waits ausführen lässt, sorgen für die Beschäftigung der ununterbrochen auf der Bühne anwesenden Menschen. Hart im Gegensatz dazu stehen die Erfahrungen von Einsamkeit, Verlorenheit, Verstoßenheit, von denen viele der Dreißig berichten. Immer wieder löst sich eine oder einer aus der Gruppe und erzählt über sich. Sie sprechen Passagen aus ihren ersten Casting-Interviews, die transkribiert, nicht aber geglättet wurden. Diese, fast durchwegs auf Deutsch vorgetragenen, kurzen Erzählungen sind der Kern der Aufführung. Die Ungarin, die 1956 als Kind mit offenen Armen in Österreich empfangen wurde; der afghanische Bursch, der seine Flucht als blinder Passagier eines Lkws so erzählt, dass man unweigerlich darüber lachen muss; die ukrainische Studentin, die per Business-Class-Flug nach Wien kam und ihre ambitionierten Lebensziele mit einem Sprichwort aus ihrer Heimat ironisiert ("Wenn Sie Gott zum Lachen bringen wollen, dann erzählen Sie ihm von Ihren Plänen"); die polnische Putzfrau, die bekennt, Putzen sei eigentlich überhaupt nicht ihre starke Seite; der albanische Richter, der das traurige Heulen seines Schäferhundes nachmacht, den er zurücklassen musste; die argentinische Künstlerin, der bei ihrer Erinnerung an die Folterungen, die sie als politische Gefangene erleiden musste, die Tränen hochsteigen. Oft reichen wenige Sätze, um Schicksale anzudeuten, und immer wieder ist es totenstill im Zuschauerraum. Bei aller Unterschiedlichkeit der Schicksale kehren doch manche Themen immer wieder: Schlepper und Flüchtlingslager, Behörden und Grenzschutzmaßnahmen. "Schubhaft ist Scheiße", sagt ein junger Kolumbianer. Ein Tischler aus Sierra Leone beklagt, hier mangels Arbeitsbewilligung zur Untätigkeit gezwungen zu sein, ein Mann aus Gambia beschwert sich, dass es in seiner Flüchtlingspension immer das gleiche Essen gebe. Daraufhin umringen ihn die anderen, beschreiben ihm in ihren Muttersprachen Lieblingsgerichte aus ihren Heimatländern, ein fröhliches Kauderwelsch, das in einen gemeinsamen Tanz übergeht. Natürlich könnte der in Kooperation mit der Gruppe "wenn es soweit ist" entstandene Abend, den Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg in alle Abonnements des Hauses aufgenommen hat, auch ganz anders aussehen, härter und realistischer. Doch Kornmüller möchte auf Poesie und Utopie nicht verzichten. Es ist trotz allem eine "Reise" voller Menschlichkeit und Hoffnung. Den Schlusspunkt setzt die umjubelte Ute Bock. Mit unnachahmlicher Trockenheit erzählt sie von aktuellen Fällen aus ihrer Praxis als Flüchtlingshelferin, nennt die Behandlung von Flüchtlingen "eine Schande für ganz Europa" und schließt den Abend: ... ... "Ich höre erst auf, wenn es besser ist. Das heißt, ich werde noch mindestens 100 Jahre hier stehen."

INFO:
"Die Reise" im Volkstheater, Wien
Nächste Aufführungen: 27., 29.9., 1., 2., 7., 22., 23., 31.10., Karten: 01 / 52111-400, 
http://www.volkstheater.at oder http://www.wennessoweitist.com

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(apa / moe) Erstellt am
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