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Kultur
12/05/2011

Redfords neuer Film: Packendes Justizdrama

Filmstarts: Gemälde eines zerrissenen Landes in "Die Lincoln Verschwörung" + Büstenhalter in "Wickie auf großer Fahrt" + Fische in der Sauna in "Hot Hot Hot"

Robert Redfords Gerichtsdrama um Mary Surratt, die wegen der Ermordung Abraham Lincolns als erste Frau der USA hingerichtet wurde. Wir haben Robert Redford viel zu verdanken. Und damit ist keineswegs nur der beste Film gemeint, der je über Fliegenfischen gedreht worden ist ("In der Mitte entspringt ein Fluss", 1992). Nein, auch das zweifellos spannendste Werk der Kinogeschichte übers Pferdeflüstern, Redfords erste eigene Regie (1998).

Bei der "Lincoln Verschwörung" stand nun Robert Redford wieder nicht vor, sondern hinter der Kamera. Und wie schon vor zwei Jahren in "Von Löwen und Lämmern" erzählt er darin weit Politischeres über die USA, als es das Flüstern der Pferde hätte können. Seine "Lincoln Verschwörung" ist eine altmodische, gemächlich ausgebreitete Geschichtsstunde, die sich einem weitgehend nicht erzählten Kapitel amerikanischer Justizgeschichte widmet. Und das ist äußerst spannend. Man schreibt das Jahr 1865.

Wir befinden uns kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten, mitten in den Nachwehen der Ermordung von Abraham Lincoln. Einer der möglichen Verschwörer ist Mary Surratt (stoisch rechtschaffen dargestellt von der schönen Robin Wright), die einzige Frau unter vielen Männern, die des Mordes an Lincoln angeklagt wird. Die erste Frau, die in der Geschichte der USA von den Bundesbehörden hingerichtet werden wird.

Surratt, eine Südstaatlerin, hatte die Pension geführt, in der die Attentäter gewohnt, geplant und die Ermordung Lincolns vorbereitet hatten. John Wilkes Booth war einer von ihnen; ihr eigener Sohn ein anderer. Und Mary Surratt? War auch sie beteiligt?
Der Film, der auf den historischen Gerichtsprotokollen beruht, gibt darauf keine zweifelsfreie Antwort. Genauso wenig wie Mary Surratt selbst: Zwar beteuert sie auf ihrem langen Gang zum Galgen stets, unschuldig zu sein; verweigert aber gleichzeitig, den Aufenthaltsort ihres Sohnes zu verraten, dem einzigen Verschwörer, der den Behörden entkommen konnte.

Robert Redford verwebt nicht ungeschickt die verschiedenen politischen Fäden zu einem großen Gemälde eines zerrissenen Landes. Kevin Kline übertrifft sich als Edwin Stanton, Lincolns Freund und Kriegsminister. Wie George Bush nach 9/11 brauchte Stanton im fragil vereinten Amerika einen schnellen Sündenbock. So wird Mary Surratt vor einem Militärgericht statt vor einem zivilen Gerichtshof rasch der Prozess gemacht. "Gerechtigkeit zählt nicht in Zeiten, wo Krieg herrscht", heißt es . Im Gericht steht ihr ein junger Anwalt (gut wie immer: James McAvoy) zur Seite. Er, dekorierter Kriegsheld der Nordstaatler, hält sie am Anfang für schuldig, kämpft später für Fairness und am Ende darum, seine eigenen Vorurteile zu überwinden.

Neben der politischen Relevanz wird auch das hier erzählt: Die persönliche Tragik einer Mutter, die sich für einen Sohn opfert, der dies nicht wert zu sein scheint. Begleitet von einem verzweifelt kämpfenden Anwalt, der es wert wäre, ihr Sohn zu sein.

INFO: HISTORIENFILM , USA 2011. 121 Min. Von Robert Redford. Mit Robin Wright.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Wickie auf großer Fahrt 3-D" - Büstenhalter flicken das Wikinger-Segel

Als Walküre posiert das deutsche Supermodel Eva Padberg nicht gerade unbeachtlich, bevor sie dann Büstenhalter und Unterhosen spendiert, damit Wickie zerfetzte Schiffs-Segel flicken und wieder auf große Fahrt gehen kann: Er will a.) seinen Vater befreien und b.) einen Schatz finden. Und muss dazu c.) der Anführer der Wikinger sein.

Ja, der Humor hat auch in der Fortsetzung des so erfolgreichen "Wickie und die starken Männer"-Films von Bully Herbig keine Flaute. Auch wenn diesmal Bully und dessen typischer Schmäh fehlen. Regie führte nämlich der Deutsche Christian Ditters, der bisher Filme wie "Vorstadtkrokodile" inszeniert hat. Wickie, der Gute, darf bei ihm gegen eine piratige Gegenspielerin namens Svenja, die Böse, kämpfen (beeindruckend: Valeria Eisenbart). - V.F.

INFO: KINDERFILM, D 2011. 96 Min. Von Christian Ditters. Mit Jonas Hämmerle.

KURIER-Wertung: *** von *****

"Putty Hill " - Erschöpfte Jugend in Baltimore

Corey ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Was von dem jungen Skater bleibt, ist ein leerer Raum, eine Matratze am Boden, Aschenbecher und Leerflaschen. Und seine oft seltsam emotionslosen Freunde, Bekannte und Verwandte, die sich anlässlich seines Begräbnisses am Rande von Baltimore in Putty Hill zusammenfinden.

"White Trash" ("weißer Abfall") nennt man abfällig in Amerika jene untere Mittelschicht, die in "Putty Hill" zur Ansicht kommt. Tätowierte Typen, die aussehen wie Wrestler, Kinder, die Kriegsspiele im Wald veranstalte, langhaarige Girls, die herumhängen, Menschen mit verlebten Gesichtern, die in einer Karaoke-Bar Bier trinken und des Toten gedenken: In Matt Porterfields zweiter Arbeit, die zwischen Spiel- und Dokumentarfilm gekonnt changiert, spielen Jugendliche von den Rändern Baltimores eine improvisierte Version ihrer selbst. In stimmungsstarken Bildern schafft Porterfield das impressionistische Porträt von Menschen im Arbeiterklassen-Milieu, ohne so etwas wie eine Sozialstudie anzustreben.

Im Gegenteil: Das "Coming of Age", das Erwachsenwerden von Jugendlichen - ein viel begehrter Topos im amerikanischen Kino - erzählt Porterfield als einen Akt der Erschöpfung, dessen melancholische Schönheit sich der genauen Beobachtung von Menschen und ihren Lebensorten verdankt. Gedreht mit einem Mini-Budget, liefert "Putty Hill" eine manchmal lyrische, manchmal rätselhafte, immer starke Spielart des Realen. - Alexandra Seibel

INFO: DRAMA. USA 2010. 84. Min. Von Matthew Porterfield. Mit Sky Ferreira.

KURIER-Wertung
: **** von *****

"Hot Hot Hot" - Fische in der Sauna

Ferdinand führt ein Leben wie ein Fisch: In seiner kleinen Welt, erfüllt von der Arbeit bei "Seaworld", in einem jener grauenerregenden britischen Vergnügungsparks, deren Verfallsdatum längst überschritten ist, vegetiert er still und leise vor sich hin, ohne große Wellen zu schlagen. Nachdem er wegen Renovierungsarbeiten jedoch in das "Finnish-Turkish-Delight", eine Sauna-Anlage, wechseln muss, treten nicht nur nackte, schwitzende Menschen und Panflötenmusik, sondern auch die Liebe in sein Leben . Skurril und auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandelnd, schafft der Film eine ganz eigene Stimmung - vor allem jedoch eine Abneigung gegen Saunabäder. - V. Schopf

INFO: KOMÖDIE, LUX/Ö/BE 2011. 90 Min. Von Beryl Koltz. Mit Rob Stanley.

KURIER-Wertung
: **** von *****

"Eine Insel namens Udo" - Sehen, aber nicht gesehen werden

Warum er manchmal zu sehen ist und dann wieder nicht, das weiß nur Udo. Beim Familienfoto ist er beispielsweise nie zu sehen (Familienfeiern sind so, dass er sich einfach in Luft auflösen möchte). Nach der Liebesnacht im Kaufhaus, wo Udo als Detektiv arbeitet, ist er aber sehr wohl sichtbar. Nackt, aus einem Zelt krabbelnd, mit einem Kochtopf vor seinem besten Stück.

Der kauzige Berliner Comedian Kurt Krömer versucht in diesem skurrilen Liebesabenteuer wie schon viele vor ihm, der Welt deutschen Humor näher zu bringen. Was leider nur bedingt gelingt: Zu platt sind die Gags (huch, der Hemdsärmel brennt. Ich lösche ihn in der eiskalten Bowle!), zu wirr die Phasen des Sehen- und Nichtgesehen-Werdens.
Lichtblick ist die resolute Fritzi Haberlandt als Udos Flamme Jasmin. Aber unbedingt gesehen haben muss man beide nicht. - S. Lintl

INFO: KOMÖDIE, D 2011. 80 Min. Von Markus Sehr. Mit Kurt Krömer, Fritzi Haberlandt, Jan Gregor Kremp.

KURIER-Wertung: *** von *****

KINO IN KÜRZE

"Atmen" - Ein junger Straftäter bekommt Freigang, um bei der Leichenbestattung zu arbeiten. Im Umgang mit dem Tod findet er ins Leben zurück. Hervorragendes Regiedebüt von Schauspieler Karl Markovics (Die große Kritik zum Film ist im Link rechts oben zu finden)

KURIER-Wertung: ***** von *****

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