Kultur
14.06.2018

Rapper Nazar: „Religion braucht keine Verteidiger“

"Mosaik“ hat Nazar sein Freitag erscheinendes Album betitelt. Der Rapper über Persönliches, die Religion und Richard Lugner.

Zu oft hat sich Nazar, der 1984 in Teheran geboren wurde und als Kleinkind mit der vor dem Golfkrieg flüchtenden Mutter nach Wien kam, politisch geäußert und damit die Finger verbrannt. Auch deshalb beschäftigt er sich immer weniger mit Politik. Warum einige seiner neuen Songs trotzdem genug Anlass für Diskussionen geben, erzählt der 33-Jährige im Interview mit dem KURIER.

KURIER: Bei Ihrem letzten Album „Irreversibel“ von 2016 sagten Sie, dass Sie wegen der Veränderungen und dem Rechtsruck im Land politisch werden mussten. Seither ist die FPÖ in die Regierung gekommen. Warum ist „Mosaik“ trotzdem ein persönlicheres Album geworden?

Nazar:Das Album ist nicht rein persönlich. Ich wollte aber auf keine Fall ein politisches Album machen, weil ich glaube, dass die Leute schon so mit Politik übersättigt sind, dass das nicht auch noch in der Musik stattfinden muss. Ich beschäftige mich auch immer weniger mit Politik. Denn je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr ärgert man sich unnötig. Man läuft dann irgendwann auch gegen eine Wand, gegen die man nichts machen kann. Jedes Mal, wenn ich mich zu politischen Dingen geäußert habe, waren es die gleichen Leute, die mich dafür kritisiert oder mir dafür auf die Schulter geklopft haben. Da bist du in deiner eigenen Blase und veränderst nicht viel. Und aktuell muss ich sagen: Ich habe mir diese Regierung viel schlimmer vorgestellt. Es gab noch keine Notwendigkeit, aufzustehen und zu schreien: Das geht gar nicht!

Auch nicht bei den Änderungen bei der Mindestsicherung?

Die waren noch nicht beschlossen, als ich das Album schrieb. Ich kenne mich auch zu wenig aus, um abzuschätzen, welche Auswirkungen das haben wird. Ich bin ja immer noch in Favoriten, und da sind mittlerweile viele anerkannte Flüchtlinge. Darunter gibt es natürliche einige, die das System extrem ausnützen. Manche erzählen das offen – mit so einer Selbstverständlichkeit und so einem Sarkasmus, dass ich mich grün und blau ärgere. Denn es gibt so viele Menschen, die riesige Probleme haben und nicht mit so einer Intention nach Österreich gekommen sind. Ich denke dann:„ Du nimmst das diesen Menschen weg! Wegen dir beginnen Politiker, sich derartige Maßnahmen zu überlegen, die Folgen für alle haben.“ Aber klar ist auch: Je schlechter es den Menschen geht, desto höher wird die Kriminalität.

Und die Aggressivität …

Genau. Und wenn es das Ziel der Regierung war, damit wieder einen Grund zu haben, zu sagen, es wird alles schlechter, ist das sehr schlimm und berechnend. Wo man aber jedem Recht geben muss, ist, dass ein Mensch die Sprache von dem Land beherrschen muss, in dem er lebt. Ob es allerdings gut ist, das mit der Mindestsicherung zu verbinden, weiß ich auch nicht.

Musikalisch ist „ Mosaik“ unglaublich vielfältig und atmosphärisch dicht geworden. Sie haben viel mit Streichern gearbeitet …

Ich habe mit einem Orchester aus dem Iran gearbeitet, die dort im Geheimen spielen müssen. Sie sind zum Beispiel auf „Domino“ zu hören. Ich hab über meinen Cousin, der im Iran lebt, von ihnen gehört. Er hat mir Handy-Videos und Samples von ihnen geschickt. Sie sind aber nicht im Booklet erwähnt, weil das zu gefährlich für sie wäre.

In dem Song „Intro“ sagen Sie, dass sie viel Schlimmeres als im Krieg erlebt haben. Meinen Sie in Österreich?

Ja, da gibt es Dinge, die mich bis heute begleiten. Aber das liegt daran, dass ich den Krieg im Iran nicht mitbekommen habe, weil ich viel zu klein war. Erst als ich mein Buch „Mich kriegt ihr nicht“ geschrieben habe, habe ich mit meiner Mutter viel darüber gesprochen. Sie hat zum Beispiel erzählt, dass sie einmal mit mir und meinem Bruder auf einem Spielplatz war. Da kam ein Bus, jemand stieg aus und sagte: „Welches Kind will ins Paradies?“ Die Kinder sollten sofort einsteigen. Meine Mutter ist sofort mit uns weggerannt, aber andere Eltern mussten ihre Kinder abgeben. Sie wurden an die Grenze gebracht und mussten über Minenfelder laufen, damit danach die Panzer drüberfahren konnten, ohne Schaden zu nehmen.

Ist es das, worauf Sie in dem Song „Paradies“ anspielen?

Dabei geht es darum, dass Religion in der Öffentlichkeit für viele Menschen wieder wichtig ist, und Jugendliche sehr stark anfangen, sich mit Religion zu identifizieren und darüber zu reden. Ich finde es aber ungesund, wenn junge Menschen glauben, Vertreter ihrer Religion sein zu müssen. Denn Religion braucht keine Verteidiger. Es ist cool genug, wenn Menschen gläubig sind und das für sich tun. Wenn sie nicht ständig versuchen, Menschen zu bekehren und ihnen zu sagen, was richtig und was falsch ist.

Zurück zur vorigen Frage: Was sind die schlimmen Erfahrungen in Österreich, die Sie bis heute begleiten?

Ich werde im September 34, bin, glaube ich, nicht unerfolgreich und habe hier viel getan. Trotzdem bekomme ich immer noch von einigen Leuten zu hören, dass ich hier unerwünscht bin, und dass ich in mein Land zurückgehen soll – obwohl Österreich mein Land ist. Ich kenne nicht viel von meinem Vaterland. Sie sagen, dass sich meine „Kopftuchmutter“ in ihr Land zurückziehen soll, obwohl meine Mutter gar kein Kopftuch trägt. Das ist nicht schön zu hören – und ein Gefühl, an das man sich nicht gewöhnt.

Woran, glauben Sie, liegt das?

Dass sich so eine Stimmung aufgebaut hat, haben wir sicherlich allen Parteien in diesem Land zu verdanken. Denn auch die anderen haben ihren Beitrag dazu geleistet. Nämlich, indem sie sagten, wir sind ein Gegner der anderen, wir sind links, wodurch das Land gespalten wurde. Mittlerweile darfst du ja nur noch links oder rechts sein. Aber ich bin nicht links. Und ich bin definitiv nicht rechts.

Einer der humorvollen Songs auf „Mosaik“ ist „Richard Lugner“. Was stört Sie an seinem Lebensstil?

Gar nichts – auch wenn manche Sachen in dem Text ironisch überspitzt sind. Ich habe ihn nur ein bisschen zum Kotzen gefunden, als er als Präsidentschafts-Kandidat angetreten ist und diese Sachen über Ausländer und Ausgrenzung gesagt hat. Aber ich habe einige Dokus über ihn gesehen, und er hatte ein bewegendes Leben, hat auch viele coole Sachen gemacht. Ich mag halt solche Charaktere. Deshalb finde ich es toll, dass er auch in meinem Video zu dem Song mitspielt. Ich hab ihn leider noch nicht persönlich kennengelernt. Denn als meine Jungs die Szene mit ihm drehten, konnte ich nicht dabei sein.

Sie verwenden in den Raps wieder eine Sprache, in der Frauen fast ausschließlich mit degradierenden Wörtern bezeichnet werden. Sollte da in Zeiten der #MeToo-Debatte nicht langsam ein Umdenken beginnen?

Aber das ist Hip-Hop, das ist eine Kunstform! Frauen, die Hip-Hop hören, fühlen sich dadurch nicht beleidigt, dafür muss ich mich immer nur bei anderen Leuten rechtfertigen. Ich schlüpfe da in die Rolle der Kunstform, und das sollte man nicht so ernst nehmen. Wenn ein Rapper Wörter wie Bitch verwendet, ist das nicht jemand, der dann auf der Straße zu einer Frau sagen würde: „Du bist eine Bitch!“ Und ein Schauspieler, der im Film eine Frau vergewaltigt, muss sich auch nicht dafür rechtfertigen, das der Mann, den er verkörpert, ein Vergewaltiger ist.