Lowry ist MoMA-Direktor in New York

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Kultur
11/14/2019

"Power 100": Die Mächtigen der Kunstwelt und ihre Herausforderer

Das jährliche Ranking sieht MoMA-Direktor Lowry an der Spitze, gefolgt von Nan Goldin, die Feldzug gegen Sponsoren führte

von Michael Huber

Die Rangliste „Power 100“ gilt als ein Gradmesser für die Machtverhältnisse in der globalen Kunstwelt. Doch diese hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Macht: Während Künstler, Kuratoren, Museumschefs und Sammler wie eh und je um Einfluss rittern, stehen etablierte Strukturen unter Dauerbeschuss: Mäzene verloren im vergangenen Jahr wegen der unsauberen Herkunft ihres Geldes den Rückhalt, Museen mussten sich für ihren Umgang mit dem kolonialistischen Erbe verantworten, Führungseliten wurden und werden wegen mangelnder Diversität im Hinblick auf Geschlecht und ethnischer Herkufnt zerpflückt.

Das von der Zeitschrift "Art Review" zusammengestellte Ranking bildet diesen Zwiespalt ab.So steht auf Platz eins in diesem Jahr Glenn D. Lowry, Direktor des frisch sanierten Museums of Modern Art (MoMA) in New York. Lowry wagte in einem der wichtigsten Kunstmuseen der Welt das Experiment, eingefahrene Wege zu verlassen und nicht mehr in Ehrfurcht vor Picasso und Co. den Blick auf andere Kontinente zu vernachlässigen. Lowry wolle eine „globalere Repräsentation der Kunstgeschichte und der Diversität der Künstler“, so „ArtReview“. Außerdem verantwortet Lowry bereits die zweite große Erweiterung seines Gebäudes während seiner Amtszeit - ein Kunststück, für das der Kulturmanager hunderte Millionen Dollar an Sponsorengeldern einsammeln musste.

Gerade die privaten Geldgeber, die das US-amerikanische Kunstsystem tragen, stehen aber in jüngster Zeit unter Dauerbeobachtung. Wie Künstler mächtige Museen unter Druck setzen können, zeigt das Beispiel der US-amerikanischen Star-Fotografin Nan Goldin. Sie schnellte von Platz 19 auf Rang zwei hoch.

Goldin gehört zur Speerspitze der Protestbewegung gegen die milliardenschwere Pharmaunternehmer-Familie Sackler. Als Mäzene pumpten die Sacklers Millionen in Museen, bis sie wegen der Herstellung eines stark abhängig machenden Schmerzmittels in Verruf gerieten. Auf Druck Goldins und ihrer Mitstreiter beendeten der Louvre in Paris und die Tate in London die Zusammenarbeit mit den Sacklers. Auch die deutsch-japanische Video-Künstlerin Hito Steyerl, dieses Jahr wieder auf Platz vier, nutzt ihre Macht. Sie machte bei ihrer Schau in der Serpentine Gallery in London Front gegen die Sackler-Mäzene. Steyerl will den Einfluss von Unternehmen, die Kunstinstitutionen zur eigenen Imageverbesserung nutzen, zurückdrängen.

Aus dem Stand wurden Felwine Sarr und Bénédicte Savoy auf Platz sechs katapultiert. Der senegalesische Ökonom und die in Berlin lehrende französische Kunsthistorikerin fordern die umfassende Rückgabe afrikanischer Kulturgüter an die ehemaligen Kolonien. Damit haben sie in vielen Ländern, auch in Deutschland, die Debatte über die Öffnung der Museumsdepots eröffnet.Zu den Top Ten gehören wie immer Mega-Galerist David Zwirner (5) und die Schweizer Iwan und Manuela Wirth (3). Der einzige Österreicher auf der Liste verdankt seinen Einfluss ebenfalls seiner Galeriearbeit: Thaddaeus Ropac, aktiv in Paris, London und Salzburg, belegt aktuell Platz 57 und stieg im Ranking damit nach oben (2018: Platz 62).

Thaddaeus Ropac

Es fällt auf, dass die Künstlerinnen und Künstler im Ranking ihren Status eher sozialem und politischem Engagement als ihrem Marktwert verdanken: So ist der brexit-kritische Street Artist Banksy (14) ökologisch gestimmte Olafur Eliasson (49) und der mit Überwachungstechnik befasste Trevor Paglen (66) ebenso wieder dabei wie Chinakritiker Ai Weiweil, der allerdings von Platz 5 auf 24 absackte.

Auffällig aber sei die Sprunghaftigkeit der „Power 100“, findet der deutsch-britische Kunsthistoriker Felix Krämer, der das Düsseldorfer Museum Kunstpalast leitet. So stürzte die #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Übergriffe, vergangenes Jahr noch auf Platz drei, auf Rang 21 ab. „#MeToo ist aber immer noch ein wahnsinnig wichtiges Thema und prägt gesellschaftlich auch nach wie vor die Kunstwelt“, sagt Krämer.  Ihm fehlt „ein bisschen das Fleisch am Knochen, um daraus wirklich etwas ableiten zu können“.