Kultur
24.06.2018

Phänomen "Super-Fan": Online-Hass gegen neue Filme

Und warum weibliche Stars besonders unter dem Zorn dieser sogenannten „Super-Fans“ leiden.

Dass Online-Hass, von Twitter, Facebook und anderen Plattformen gewinnträchtig verbreitet, den westlichen Demokratien schadet, hat sich herumgesprochen.

Wie aus einem auf Anschlag gedrehten Lautsprecher dröhnt es aus dem Netz gegen Offenheit, gegen „Eliten“, gegen „die da oben“.

Es dröhnt Ähnliches aber auch gegen die Kultur herauf, insbesondere gegen Schauspielerinnen in Hollyood-Filmen.

Verklärung

Hier wie auch in der Politik richtet sich der Zorn gegen die Zumutungen der Veränderung, wird die Vergangenheit glorifiziert. Und vergiftet eine lautstarke Minderheit den öffentlichen Diskurs, der ein Online-Diskurs geworden ist.

Bei der Kultur sind das die sogenannten „Super-Fans“, die gar nicht super sind, sondern ihre Lieblingsfilme super-ernst nehmen, fast wie eine Religion.

Und auf jede Abweichung reagieren wie kleine Kinder, denen man das Lieblingsspielzeug wegnimmt. Oder Opernfans auf zeitgenössische Inszenierungen.

Passt etwas nicht in ihr Weltbild – ein Handlungsstrang, ein Schauspieler –, dann werden diese „Super-Fans“ aktiv. Und setzen online alle Hebel in Bewegung, um ihre Meinung durchzusetzen: Sie fahren koordinierte Kampagnen in den sozialen Medien, beeinflussen Wertungswebseiten, beschimpfen die Stars. Besonders hysterisch reagieren diese Fans dann, wenn ein altbekannter Stoff insofern in neuem Gewand präsentiert wird, als er weiblicher wird.

Derzeit im Kino: „Ocean’s 8“, lauter Frauen statt Männer im Cast – Aufregung. „ Star Wars“ mit prominenten Rollen für Frauen – Aufregung. „Star Trek“ aus (anfangs) weiblicherer Perspektive – Aufregung.

Selbst so, nun ja, wenig tiefgreifende, aber irgendwie liebenswerte Meterware wie „Overboard“ ( Kurt Russell, Goldie Hawn, Gedächtnisverlust) ist den verbissensten Fans sakrosankt. In der Neuauflage von 2017 war der 80er-Jahre-Komödienstoff geschlechtermäßig umgedreht – der (reiche) Mann hat das Geächtnis verloren und die (arme) Frau nützt es aus. Eigentlich nichts, worüber man mehr als einen Moment verlieren sollte. Aber auch hier: Aufregung.

Rückzug

Die Rücksichtslosigkeit der zornigen Fans kennt kaum Grenzen. Wer als weiblicher Star in so einen Online-Sturm gerät, kann sich nicht wehren, auch dann nicht, wenn die Aufregung gar nichts mit einer Rolle zu tun hat.

Millie Bobby Brown ist 14 Jahre alt und Star der Netflix-Serie „Stranger Things“. Und seit letzter Woche online kaum noch präsent: Bilder ihrer Instagram-Präsenz wurden mit absurd schwulenfeindlichen Sagern versehen – und online weiterverbreitet. Die geschmacklose Witz-Ernte auf Kosten einer 14-Jährigen hat Brown derart belastet, dass sie sich u.a. von Twitter zurückzog. Ähnlich erging es Kelly Marie Tran. Die Schauspielerin aus dem zweiten Film der jüngsten „Star Wars“-Trilogie, „Die letzten Jedi“, litt monatelang unter Beschimpfungen durch sogenannte „Super-Fans“: Der Film selbst wurde von extremen Fans gehasst; Tran bekam online übermäßig viel dieses Hasses ab.

Denn manche „Star Wars“-Fans mögen zwar trottelige Roboter und röhrende Zweieinhalb-Meter-Zottelaußerirdische. Dass eine Hauptdarstellerin aber weiblich und von asiatischem Aussehen ist, ist ihnen zuviel.

Tran löschte ihre Instagram-Präsenz, wie es zuvor schon „Star Wars“-Hauptdarstellerin Daisy Ridley getan hatte. Auch sie geriet ins Visier rabiater Fans.

Der Regisseur von „Die letzten Jedi“ erhielt sogar Todesdrohungen.

Aus dem Schmuddeleck

In solchen Momenten zeigt sich der Netzwerkeffekt von seiner schlechtesten Seite. Es wird, davon kann man ausgehen, derart überschießende Fan-Empörung immer schon gegeben haben. Früher aber wären jene, die etwa eine weibliche Neuauflage nicht ertragen können, alleine mit ihrer Meinung im Schmuddeleck gesessen.

Heute aber finden jeder online leicht Bestätigung, andere, die der selben Meinung sind, auch wenn diese Meinung noch so daneben ist. Und diese neu gefundene Stärke der zornerfüllten Kinogeher wird hemmungslos ausgespielt.

Erstaunlich ist, wie schnell sich das ursprünglich positive neue Fan-Phänomen ins Negative gedreht hat: Noch vor wenigen Jahren war kollektives Aufatmen unter den Fans damals randseitigerer Kulturprodukte (Science Fiction, Superhelden, Fantasy) zu vernehmen: Man sah sich endlich nicht mehr belächelt. Die Freude darüber währte nur kurz, rasch okkupierten dauerempörte Randgruppen dieser Fans die Aufmerksamkeit.

Hollywood rätselt nun, wie man dem Negativ-Phänomen „Super-Fan“ begegnen kann. Falls sich eine wirksame Gegenstrategie findet – viele Politiker (und die Demokratie) wären dankbar für entsprechende Info.