Kultur 18.05.2018

"Parsifal" in Paris: Der Führer – nur eine Marionette

Andreas Schager (vorne) als Parsifal, Anja Kampe als Kundry inmitten der toten Blumenmädchen © Bild: Emilie Brouchon

Erfolg mit Richard Wagner an der Opéra Bastille – mit starkem Österreich-Bezug

Die Neuproduktion von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, von der hier die Rede sein wird, hat viel mit Österreich zu tun. Obwohl sie in Österreich nicht zu erleben ist (Was schade ist, weil sie bedeutend besser ist als jener „Parsifal“, der in der Regie von Alvis Hermanis an der Wiener Staatsoper läuft, Anm. eines Musiktheater-Liebhabers).

Ein neuer „Parsifal“ also – in Paris, an der Opéra Bastille, wo es im Vorfeld einen Opern-Super-GAU gab, womit nicht Lappalien wie ein unpräzises Hohes C gemeint sind. Der Super-GAU: Ein Schaden an der Bühnentechnik, der so gravierend war, dass eine Aufführung nach der anderen abgesagt werden musste. Mit 17-tägiger Verspätung kam es zur Premiere, durch diesen Umstand wurde die Erwartungshaltung weiter gesteigert. Zum Raum wurde hier die Zeit.

Wunde und Wunder

Die Erlösung, um im „Parsifal“-Jargon zu bleiben, ist umso beeindruckender. Das an der Technik-Wunde siechende Haus zeigt eine in jeder Hinsicht fabelhafte Produktion. Nun sind ja Nationalismen generell, solche in der Kunst speziell und jene in der Oper in besonderem Maße fragwürdig. Dennoch sei der starke Wien-Konnex betont, vergleichbar der unrealistischen Annahme, mehrere Kicker mit Österreich-Bezug würden in einer Fußball-Weltauswahl spielen.

Philippe Jordan, der Chef der Symphoniker und designierte Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, zaubert in seiner Funktion als Musikchef der Pariser Oper einen beeindruckenden „Parsifal“ in das riesige Theater. Jordan, der mit diesem Werk auch in Bayreuth debütiert hatte, setzt auf eine sensible, zurückgenommene, entschlackte, fast bescheidene, nie kraftmeierische, dennoch stets emotionale und durch langsame Tempi fast sakrale Interpretation. Sein „Parsifal“ ist das Gegenteil eines musikalischen Gewaltaktes, fein strukturiert und differenziert. Das Orchester ist anfangs noch etwas schwerfällig und klanglich limitiert, im Verlauf der fünfeinhalb Stunden steigert es sich jedoch sehr. Man kann gar nicht anders als zu betonen, dass man Vorfreude auf Jordans Wiener Dirigate am Ring haben darf.

Wenn wir bei Fußballvergleichen bleiben, wäre Jordan Trainer, Spielmacher und Analytiker in Personalunion, während der österreichische Sänger Andreas Schager in der Titelpartie seine Torjägerqualitäten unter Beweis stellt. Er ist ein Heldentenor, wie man ihn sich wünscht: Mit Kraft, metallischem Glanz, klarer Höhe, schönem Timbre. Den zweiten Aufzug singt er exemplarisch, beim Finale wären seine Attacken gar nicht nötig.

Günther Groissböck, der österreichische Gurnemanz, ist hingegen der geniale Techniker am Platz mit großer stimmlicher Eleganz. Er singt die kräfteraubende Partie so schön, als handelte es sich um Liedgesang, berührend, wortdeutlich, sicher in allen Lagen, mit noblen Phrasierungen. Diese Leistung ringt Respekt ab. Wenn man aber weiß, dass er zuletzt zwischen Deutschland, wo er als Daland im „Fliegenden Holländer“ unter Valery Gergiev engagiert war, und Paris aufgrund des Streik-Risikos bei Air France mit dem Auto hin- und herfuhr, bleibt nur noch Bewunderung.

Anja Kampe ist als Kundry zu erleben und ein Ereignis: Präzise in den Kraftausbrüchen, hinreißend in den tieferen Lagen – sie wurde vom Publikum völlig zurecht bejubelt. Peter Mattei ist ein recht lyrischer Amfortas, Evgeny Nikitin ein mehr verschrobener als bedrohlicher Klingsor, erfreulicherweise singt auch er durchwegs, anstatt zu brüllen.

Die Inszenierung von Richard Jones ist absolut zeitgemäß und dabei konsequent aus dem Libretto entwickelt. Der Regisseur zeigt zwei aufeinanderprallende Welten voller Kontraste. Das Reich der Gralsritter ist dominiert von strengen, das Individuum unterdrückenden Regeln. Hier geht es nicht um Milde, sondern um Gleichschaltung. Gurnemanz ist eine Art Oberaufseher in einer Lehranstalt, die Schüler beten das „Wort“ an, das wohl eine Art Führer verfasst hat.

Die Verwandlung vollzieht sich dergestalt, dass die Bühne (ULTZ) lateral verschoben wird, was eine Referenz an die „Parsifal“-Uraufführung 1882 im Bühnenbild Paul von Joukowskis sein könnte – damals staunte das Publikum über die mit Handrollen betriebenen fahrenden Teile. Die Gralsenthüllung ist blutig wie ein aktueller Konflikt im Nahen Osten. Und endlich einmal wird Titurel, gespielt von einem alten Mann, der sich nur noch wie eine Marionette bewegen kann, in den Mittelpunkt gestellt. Der Führer – eine Marionette: Ein starkes Bild und symbolisch für eine politische Inszenierung, die jedoch nie plakativ wird.

Genetik und Genitalien

Der diktatorisch anmutenden Welt ist jene des Klingsor gegenübergestellt. Dieser wird als verrückter Gentechniker gezeichnet, der die Blumenmädchen diesfalls tatsächlich auf der Bühne züchtet. Das Bild mit den aus Pflanzen wachsenden Körpern mit überdimensionalen Genitalien ist grandios. Nach der Zerstörung des Zaubergartens sind die Mädchen verbrannt – ein Bild wie Leichen im KZ.

Am Ende der auch punkto Personenführung klug gearbeiteten Inszenierung verweigert Jones die Erlösung, indem Parsifal und Kundry mit den Gralsrittern, die ihren Reliquienschrott entsorgen, abziehen und nur der tote Amfortas und der ratlose Gurnemanz zurückbleiben. Ein erstklassiger „Parsifal“, von dem sich auch Bayreuth etwas abschauen könnte.

( kurier.at , geko ) Erstellt am 18.05.2018