Kultur
07.09.2017

Oliver Polak: "Wenn Hitler keinen Hund gehabt hätte..."

Er findet Humor dort, wo man sonst nicht ohne Protest lacht, und präsentiert sein neues Programm "Über alles" in Wien.

Oliver Polak ist all das, was deutsche Comedians gemeinhin nicht sind: Er ist, erstens, lustig.

Polak hat mit seinem ersten Programm, "Jud Süß Sauer", ordentlich umgerührt im tiefenangespannten Verhältnis der Deutschen mit der eigenen Geschichte: Er tastet sich an der Frage entlang, ob die Deutschen endlich wieder über Juden lachen dürfen (Nein, aber über das eigene Verhältnis zu ihnen vielleicht schon). In einem Rapvideo spielte Polak, an der Grenze zu Ostfriesland aufgewachsener deutscher Jude, Adolf Hitler.

Er macht Witze über das Jüdischsein in Deutschland und über das Deutschsein in Deutschland und sagt dabei all das, was man nicht sagen darf. Sein Hund, sagt er etwa im KURIER-Interview, verleihe seinem Tag Struktur: "Man kann nicht so Natascha-Kampusch-mäßig einfach im Haus bleiben." Und: "Ein Hund ist eine Bescheinigung, dass man in Ordnung ist. Stellen Sie sich vor, Hitler hätte keinen Hund gehabt! Dann hätten alle gesagt, mit dem stimmt was nicht."

Sein zweites Programm behandelte die eigene Depression. Nun folgt sein drittes, Premiere ist am 4. Oktober im Rabenhof in Wien.

KURIER: Warum Wien?

Oliver Polak: Ich konnte die Show nicht als erstes den Deutschen zumuten, da dachte ich: Geh ich lieber nach Wien. Und natürlich: Der Wiener und mein Humor, das passt sehr gut zusammen. Mein Tourmanager ist auch aus Wien, und so erspare ich mir schon mal eine Fahrt von dem nach Deutschland.

"Über alles" heißt die Show, was einerseits natürlich den Finger in jenen Teil des "Lieds der Deutschen" sticht, den man nicht singt. Aber es geht wirklich über alles, im Speziellen über alles, das sich sonst dem Humor entzieht. "Wer bietet mehr Freizeit und Fun: Rassismus oder Religion?", heißt es etwa in der Ankündigung, und das ist noch jene Frage, die sich am leichtesten abdrucken lässt.

Die neue Show klingt ein wenig nach Provokationserweiterung – in der Beschreibung geht’s um Menschen mit Behinderung, Pädophile und Sex mit Tieren …

Meine erste Show hatte sehr viel mit meiner persönlichen Identität und Biografie, als Jude in Deutschland zu tun – das gab es vorher in der Form noch nicht. Die zweite, "Krankes Schwein", hatte mit der Gebrochenheit der Menschen zu tun. Bei der neuen nun geht es um alles, sie heißt ja auch "Über alles". Abtreibung, Vergewaltigung, Pädophilie, Rollkoffer am Flughafen. Wobei die Rollkoffer ja nicht das Problem sind. Aber die Business-Typen, die einen auf hart machen und so einen kleinen Koffer hinter sich herziehen und wirken, als würden sie gerne dem Piloten einen blasen, die sind das Problem (lacht).

Für manche Leute geht solcher Humor zu weit, wie sich im Umfeld des Grimme-Preises zeigte, den Sie mit der ProSieben-Show "Applaus und raus" gewannen. Da regte der Hashtag #gastoderspast zu Ihrer Sendung doch heftige Kritik an.

Wenn man "Alter" zu jemandem sagt, will man ja auch nicht alte Menschen diskriminieren. Es ist ein Problem in Deutschland, dass die Menschen vergessen, dass sie in einem Comedy-Raum sind. Da gibt es nach wie vor einen großen Unterschied zwischen österreichischem Kabarett und deutschem Kabarett, das irgendwas ist, aber nicht Kabarett.

Sie leben auf im Tabubruch. Jetzt entstehen derzeit ja ganz viele neue Tabus – zwischen Deutschen und Moslems.

Ich glaube, das grundsätzliche Problem der Deutschen ist, dass sie keine gesunde Mitte finden zwischen Duckmäusertum und Größenwahn. Ein Bekannter von mir hat mal gesagt: Zuerst stehen sie mit einem Schild am Bahnhof, und ein paar Wochen später werden die Heime angezündet. Das ist eine sehr ungesunde Auseinandersetzung. Aber das ist natürlich viel komplexer. Vorurteile stimmen nicht immer. Außer wenn man sagt: Alle Wiener sind depressiv. Als ich depressiv war, bin ich immer gerne nach Wien gefahren, da kam ich mir ganz normal vor.

Merken Sie eine höhere Bereitschaft zur Aufregung?

Nein. Aber was ich merke ist, dass in Sachen Rassismus plötzlich Dinge erlaubt sind, salonfähig werden. Ich habe kürzlich einen AfD-Politiker reden gehört, da wird die komplette deutsche Geschichte ausradiert. Ein AfD-Slogan ist: "Hol dir dein Land zurück". Was meinen die damit? Wollen die die DDR zurück? Wollen die sechs Millionen Juden einreisen lassen?

Das neue Programm klingt so, als gebe es danach wenige Wege, weiterzugehen. Sie haben angedeutet, es könnte Ihre letzte Show sein.

Das stimmt. Ich sehe meine nächste Show auch noch nicht, aber ich bin auch gerade müde. Ist nicht sehr schlau, das vor einer Tour zu sagen (lacht). Aber in der Form, in der ich Standup mache, sind in Deutschland die Möglichkeiten begrenzt. Ich habe Bock auf die Show, aber was danach ist, kann ich gerade noch nicht sagen.